Oblomows Schöpfer

Vor 121 Jahren starb Iwan Alexandrowitsch Gontscharow. Der von Hause aus wohlhabende, vielseitig gebildete und aktive Schriftsteller schuf einen depressiven Faulpelz von Weltrang – den sympathischen, gescheiten, dicken Oblomow. Auch wenn die Geschichte traurig ist – Oblomow verscherzt sein Lebensglück durch seine Unfähigkeit, sich aufzuraffen -, ist sie zugleich komisch und poetisch. Gontscharow ist ein Meister des Beschreibens, und Oblomow bleibt in seiner tagträumenden Trägheit ein interessanter und liebenswerter Mensch (auch wenn man ihn zwischendurch mal schütteln möchte, damit er endlich etwas tut).

Wie gut paßte Oblomows Hausanzug zu seinen ruhigen Gesichtszügen und seinem verzärtelten Körper! Er trug einen Schlafrock aus persischem Stoff, einen echten morgenländischen Schlafrock – ohne die geringste Anlehnung an Europa, ohne Quasten, ohne Samt, ohne Taille –, der so weit war, daß Oblomow sich zweimal hineinwickeln konnte. Nach der unveränderlichen asiatischen Mode erweiterten sich die Ärmel von den Fingern zur Schulter immer mehr und mehr. Obwohl dieser Schlafrock seine ursprüngliche Frische eingebüßt hatte und seinen früheren, natürlichen Glanz stellenweise durch einen erworbenen ersetzt hatte, waren ihm doch noch die Lebhaftigkeit der morgenländischen Farbe und die Dauerhaftigkeit des Gewebes geblieben.
Der Schlafrock hatte in Oblomows Augen eine Menge unschätzbarer Eigenschaften: Er war weich und schmiegsam; man fühlte ihn kaum auf sich; er paßte sich, gleich einem gehorsamen Sklaven, den geringsten Bewegungen des Körpers an.
Oblomow ging zu Hause immer ohne Krawatte und ohne Weste herum; denn er liebte die Bequemlichkeit und Freiheit. Er trug lange, weiche und breite Pantoffeln; wenn er seine Füße vom Bett auf den Fußboden herabgleiten ließ, schlüpfte er ohne hinzublicken mit unfehlbarer Sicherheit in beide Pantoffeln auf einmal.
Das Liegen war für Ilja Iljitsch weder eine Notwendigkeit, wie für einen Kranken oder einen Schläfrigen, noch eine Zufälligkeit, wie für einen Ermüdeten, noch ein Vergnügen, wie für einen Faulen: es war sein normaler Zustand.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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