Gemeinsam stark

Das Thema des Blog Action Day ist heuer The Power of We – Die Macht des Wir.

Ich bin vorsichtig geworden mit dem Wort wir. Es wird zu oft benutzt, um Cliquen zu bilden und Gruppenzwang zu erzeugen. Der Satz Gemeinsam sind wir stark stimmt nicht nur für aufrechte Demokraten, nicht nur für Menschen, die gemeinsam etwas Gutes und Kluges tun wollen. Das italienische Wort fascio, Bündel, ist zum Symbol einer höchst unheilvollen Form der Gemeinsamkeit geworden. Gemeinsam stark sind auch Räuberbanden.

Hellhörig werde ich, wenn Menschen das Wort wir statt des einfachen ich benutzen – wenn ich den Eindruck gewinne, ein Mensch geht völlig in einer Gemeinschaft auf und verliert dabei seine Individualität. Das kommt bei Sekten und in Diktaturen vor, aber auch als fordernde Aufmunterung in politischen Reden hierzulande. Der Gebrauch des Pronomens impliziert oft Ich will, daß alle zustimmen und mitmachen, zuweilen auch Ich tue so, als gehöre ich zu einer Gemeinschaft, mache aber zugleich klar, daß ich über ihr stehe – letzteres gerne bei Negativ-Aussagen wie Wir sind zu egoistisch. Wer so redet, meint fast nie Ich bin zu egoistisch und glaube, meine Hörer haben das gleiche Problem, sondern Ich bin der letzte Altruist in einer immer tiefer in den Egoismus abgleitenden Gemeinschaft, zu der ich mich zu ihrem Heil dennoch zähle.

Selbstverständlich hat das Wort wir seine Berechtigung. Wenn mich jemand tadelt, weil ich es bei der Beschreibung einer Veranstaltung benutze, begreift er Gemeinsamkeit nicht. Die Tatsache, daß es auch schlechte und schädliche Gemeinschaften gibt, sagt nichts Grundsätzliches gegen gemeinsames Handeln.

Vor wenigen Wochen habe ich am Marsch für das Leben teilgenommen. Das war ein gutes Beispiel für stärkende Gemeinsamkeit, in der man wir ebenso sagen kann wie ich. Wir Teilnehmer sind alle gegen Abtreibung. Ich bin aber keineswegs in meinem Denken vollständig konform mit jedem anderen Teilnehmer – was bei so vielen verschiedenen Menschen auch gar nicht ginge. So ist es möglich, mit selbständiger Überlegung die aus Gemeinsamkeit wachsende Stärke zu unterstützen und zu nutzen.
Ebenfalls durch gemeinsames Handeln ist es möglich geworden, Youcef Nadarkhani vor der Todesstrafe zu bewahren. Gemeinsames Handeln kann dazu führen, daß auch Pastor Behnam Irani aus der ungerechten Haft entlassen wird und die notwendige medizinische Hilfe erhält und daß der Anwalt und Menschenrechtler Mohammad Ali Dadkhah frei und unversehrt bleibt und seinen Beruf ungestört ausüben darf.

Was immer man überzeugt gemeinsam mit anderen tut, sollte man jedoch spätestens dann streng prüfen, wenn man in der Gruppe das Wort ich nicht mehr hört und nicht mehr benutzt. Denn wir sind gemeinsam nur dann stark zu sinnvoller und guter Tat, wenn jeder einzelne ein Ich bleibt. Wo das Individuum in der Gemeinschaft völlig verschwindet, besteht die Gefahr, daß es Teil eines Ameisenhaufens oder Bienenstocks wird – mit klar zugeteilter, unveränderlicher Position und nichts anderem im Kopf als einem simpel definierten Ziel. Vor diesem Wir graust mir – denn auch solche Gemeinschaften können sehr stark werden.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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