Königstochter und Asketin

Heute gedenkt die Kirche der heiligen Elisabeth von Thüringen.

Elisabeth wurde 1207 in Ungarn geboren. Im gleichen Jahr brach Franziskus von Assisi, ihr späteres Vorbild, in einer aufsehenerregenden Szene mit Elternhaus und Welt und wurde zum Asketen.
Es war eine Zeit des spirituellen Aufbruchs, in der zahlreiche religiöse, meist asketische Bewegungen entstanden. Einige von ihnen, wie die Katharer, hatten sich ziemlich weit von der katholischen Kirche entfernt, andere, wie die ordensähnliche Laienbewegung der Beginen, standen zu Unrecht einige Zeit in diesem Verdacht.

Elisabeths Vater, König Andreas von Ungarn, war wegen der unruhigen Zeitläufte häufig unterwegs. Ihre Mutter Gertrud von Andechs übernahm während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte und nahm starken Einfluß auf die Politik, sehr zum Mißfallen weiter Kreise des ungarischen Hochadels.

Elisabeth war sechs Jahre alt, als ihre Mutter mit ihrem Gefolge, wohl wegen der Bevorzugung ihrer Günstlinge, ermordet wurde. Da lebte Elisabeth schon das zweite Jahr auf der Wartburg, am landgräflichen Hof von Thüringen, bei der Familie des zehn Jahre älteren Hermann, dem sie kurz nach ihrer Geburt versprochen worden war. Dieser Umgang mit Kindern war zu ihrer Zeit in Adelskreisen nicht unüblich.
Hermann starb früh, und sein jüngerer Bruder Ludwig setzte gegen einigen Widerstand der Verwandten die Ehe mit der nun vierzehnjährigen Elisabeth durch.

Die adlige Guda, ein Jahr älter als Elisabeth, war auf der Wartburg mit ihr aufgewachsen, war ihre Freundin und Vertraute seit Kindertagen und wurde nun ihre Hofdame. Zweite Hofdame und Vertraute der jungen Ehefrau wurde die Witwe Isentrud.

Die Ehe mit Ludwig von Thüringen, der bereits 17jährig den Thron bestieg, war glücklich. Elisabeth bekam drei Kinder, die alle erwachsen wurden (bei der äußerst hohen Kindersterblichkeit ihrer Zeit keinesfalls selbstverständlich). Ludwig unterstützte ihre weit über die Konvention hinausgehende karitative Arbeit. Gemeinsam gründeten die Eheleute das Hospital Maria Magdalena in Gotha, eine Stätte für Arme und Kranke. Die berühmte Rosenwunder-Legende (die ursprünglich einer anderen Heiligen zugeschrieben wurde) erfaßt das Verhältnis der Eheleute nicht. Ludwig hatte die übertriebene Askese seiner Frau versucht zu unterbinden, ihre Selbstgeißelungen und häufigen nächtlichen Gebete, nicht aber ihre Wohltätigkeit.

Elisabeth begeisterte sich für die Armutsbewegung, besonders für den in ihrer frühen Kindheit legitimierten Orden der Franziskaner. Sie unterstützte ihn bei einer Klostergründung in Eichenau. Ihr geistlicher Berater wurde der franziskanische Laienbruder Rodeger, der sie mit dem Armutsideal noch weiter vertraut machte. Sie verschenkte Schmuck und aufwendige Kleider, ging barfuß und im grauen Büßerhemd zur Kirche. Zuweilen geriet sie dadurch in Konflikt mit ihren Repräsentationspflichten als Landesfürstin. Sie lernte Spinnen und Weben und verarbeitete Wolle zu Tüchern, die sie armen Leuten schenkte. Auch den Stoff für die Kutten der Minoritenbrüder stellte sie gelegentlich her. Sie betätigte sich als Leichenwäscherin, half im Hospital bei der Krankenpflege, besonders bei Patienten mit entstellenden Leiden. Sie hatte eine besonders liebevolle und herzliche Art, mit den oftmals schmuddeligen und aussätzigen Kindern armer Leute umzugehen, knuddelte sie, spielte mit ihnen und schenkte ihnen Spielzeug. All das war für eine Dame ihres Standes ein völlig unmögliches Benehmen und wurde von weiten Kreisen des Adels mißbilligt.

Isentrud sagte aus:
“Eigenhändig nähte sie für die Beerdigung von toten Armen Kleider, behandelte und berührte sie eigenhändig und nahm an ihren Bestattungen teil. Auch schnitt sie ein blütenweißes Leinentuch in Teile und warf sie den Toten für die Bestattung über. Sie besuchte auch einen armen gebrechlichen Mann, und da sie ihn über etliche Schulden klagen hörte, die er nicht bezahlen konnte, bezahlte sie für ihn. – Auch wollte sie , daß die Körper der toten Reichen nicht in neue Leinentücher oder neue Hemden gewickelt wurden, sondern in alte, und sie befahl, daß die besseren den Armen gegeben werden sollten.
Sie tröstete und besuchte häufig die armen Gebärenden, und wenn die Boten solcher oder anderer gebrechlicher Menschen etwas von ihr erbaten, suchte sie selbst deren Stätte, um sich durch ihren Anblick zur Barmherzigkeit und zum Mitleid zu ermuntern; ja, gleich wie entlegen die Stätte ihrer Gastfreunde war und gleich wie schlammig oder holprig der Weg war, besuchte sie sie. Sie betrat ihre schäbigen Kämmerchen und schreckte nicht vor ihrem Schmutz zurück, brachte ihnen das Notwendige, tröstete sie und empfing dreifachen Lohn aus der Mühe, aus dem Mitleid und der Freigebigkeit.”

Eine Legende berichtet, Elisabeth habe einen Aussätzigen auf der Burg gepflegt und ihm Ludwigs Bett überlassen. Ludwig sei von einem irritierten Diener darauf aufmerksam gemacht worden und in sein Schlafgemach geeilt, wo er in seinem Bett den gekreuzigten Christus vorfand. Er soll hierauf gesagt haben, einen solchen Gast dürfe Elisabeth immer in sein Bett legen.

Während Ludwig am kaiserlichen Hof in Italien war, herrschte in Thüringen nach einer Mißernte ein Hungerwinter. Elisabeth verordnete großzügige Spenden aus allen landgräflichen Getreidekammern und verhalf arbeitsfähigen Armen zu Werkzeug und guter Kleidung – leistete Hilfe zur Selbsthilfe. Ludwig billigte bei seiner Rückkehr diese Taten ausdrücklich, was von zahlreichen thüringischen Adligen gar nicht gerne gehört wurde.

Der Laienbruder Rodeger wurde 1226 durch den Priester Konrad von Marburg abgelöst, einem hochgebildeten strengen Asketen mit eher düsterem Gemüt, ganz anders als der so heitere Franziskus, Elisabeths ursprüngliches Vorbild. Elisabeth gelobte nicht nur immerwährende Keuschheit, falls ihr Mann vor ihr sterben sollte, sondern unterwarf sich – für unsere Zeit ziemlich befremdlich – vollständig Konrads harten asketischen Anordnungen. Sie verstand das als die zur glaubwürdigen Nachfolge Christi unumgängliche Selbstverleugnung und Buße.
Konrad war ein eifernder und jähzorniger Mensch, der harte körperliche Züchtigung für ein geeignetes Erziehungsmittel hielt, zudem in späteren Jahren ein unbarmherziger Ketzerjäger, war aber zugleich wohl ehrlich besorgt um Elisabeths Gesundheit, wenn sie sich wieder einmal völlig verausgabte.

Entgegen der Üblichkeit beim Hochadel pflegte Elisabeth Tischgemeinschaft mit ihrem Mann. Auf Konrads Initiative bestand sie darauf, nur das zu essen und zu trinken, was aus rechtmäßigem Erwerb stammte und nicht aus gewaltsamer Eintreibung, und hielt ihre Mägde an, es ihr gleichzutun.

1227 brach Ludwig zum fünften Kreuzzug unter Kaiser Friedrich II. – Barbarossa – auf. In Otranto in Süditalien erkrankte er und starb. Die Nachricht von seinem Tode erreichte Elisabeth kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes. Über ihr Erbe gab es einigen Streit mit den männlichen Verwandten; Konrad sorgte für eine gütliche Einigung. Diese bestand in einer Abfindung von knapp zweitausend Mark (d.h. einem ziemlich üppigen Vermögen, vergleichbar etwa 700.000 Euro) und einem Gelände in Marburg zum Nießbrauch.

Eine Legende behauptet, ihr Schwager Heinrich Raspe habe sie von der Wartburg vertrieben. Wahrscheinlicher ist, daß sie freiwillig ihrem Armutsideal folgend die Burg verließ. Eine etwa zwei Jahre nach ihrem Tod entstandene niederdeutsche Ballade nimmt Freiwilligkeit an, andere Schilderungen lassen Heinrich Raspe als hartherzigen Menschen erscheinen, der angeblich später auch seinen Neffen vergiftet habe (wofür es allerdings nicht den geringsten Hinweis gibt). Sicher ist, daß sie von Konrad gehindert wurde, ihre gesamte Abfindung zu verschenken und barfuß als Bettlerin fortzuziehen. Über Konrads Motive hierfür kann man nur spekulieren; einige sagen, er habe das Geld für die Kirche retten wollen, andere meinen, Elisabeths Vorhaben sei selbst diesem strengen Asketen, der nach seinen eigenen Worten unbedingt “die Heilige zu einer Heiligen machen” wollte, zu hart erschienen. Wahrscheinlich sah der kluge Konrad auch ein, daß es für die Armenhilfe wirtschaftlich sinnvoller war, das Vermögen vorläufig zusammenzuhalten. Elisabeths Entschluß, ein Gelübde als Franziskaner-Tertiarin abzulegen, unterstützte Konrad und überreichte ihr am Karfreitag 1228 im Franziskanischen Haus von Eisenach das Kleid des Dritten Ordens. Als eine der ersten Tertiarinnen in Deutschland blieb sie damit zwar außerhalb der klösterlichen Gemeinschaft, folgte aber den gleichen Gelübden. Konrad untersagte ihr nun selbst die Gesellschaft von Guda und Isentrud, weil er befürchtete, sie könne sonst wieder nach dem höfischen Prunk verlangen, und ersetzte die beiden durch eine ganz ungebildete junge Frau und eine taube und wohl recht unliebenswürdige Witwe. Isentrud gab hierüber später zu Protokoll:

“So stellte der Magister Konrad auf vielfache Weise ihre Standhaftigkeit auf die Probe und suchte ihr in allem den Willen zu brechen, indem er ihr das Gegenteil befahl. Dann, um sie noch mehr zu verletzen, entfernte er nach und nach die geliebten Menschen aus ihrem Umkreis, damit sie über jeden einzelnen Schmerz empfinde. Schließlich vertrieb er mich, die ihr sehr liebe Isentrud, die sie nur mit großem Schmerz und unendlichen Tränen ziehen ließ. Zuletzt nahm er auch meine Gefährtin Guda von ihr, die seit ihrer Kindheit mit ihr zusammen gewesen war und die Elisabeth am allermeisten liebte.”

Die im Hochadel übliche Prunksucht hatte Elisabeth allerdings schon lange vorher abstoßend gefunden; die uncharmante Maßnahme Konrads wäre also gar nicht nötig gewesen.

Einen großen Teil ihrer Güter verteilte Elisabeth unter die Armen. In Marburg ließ sie 1228 ein zweites Hospital errichten, in dem sie ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten die Kranken pflegte. Geweiht war das Hospital dem im gleichen Jahr, keine zwei Jahre nach seinem Tod, heiliggesprochenen Franziskus von Assisi. Für sich selbst ließ sie in Marburg eine schlichte Hütte bauen. Die dortige Burg hat sie vermutlich nie betreten.

Elisabeth starb am 17. November 1231 in ihrer Hütte. Konrad schrieb im folgenden Jahr die Summa Vitae, eine kurze Lebensgeschichte der Heiligen. Die wichtigste Quelle zu Elisabeths Leben ist aber das Anfang 1235 veröffentlichte Zeugnis ihrer vier nächsten Vertrauten, der beiden Adligen Guda und Isentrud und der Mägde Irmgard und Elisabeth, die im Hospital zu Marburg arbeiteten.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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5 Antworten zu Königstochter und Asketin

  1. meckiheidi schreibt:

    ein super guter ausführlicher Text – da habe ich echt noch was gelernt! Danke! 🙂

  2. Daß der Hl. Andreas in Ungarn sehr verehrt wird und auch die Elisabeth, das weiß ich seit ich in den 90ern mehrmals in Ungarn, in Heviz war. Nun weiß ich auch um die Hintergründe. Lieben Dank für die feine Morgenlektüre. GLGr aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang.
    P.S. ich freue mich sehr, daß es noch Menschen gibt, die auf die Schlechtschreibreform pfeifen und deren Texte zu lesen ein ästhetischer Genuß ist.

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