Sterbenswünsche

Man darf in Deutschland einen Menschen auch dann nicht töten, wenn er dringend darum bittet.

§ 216
Tötung auf Verlangen

(1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.
(2) Der Versuch ist strafbar.

Wäre es anders, so wäre das Überreden und Töten behinderter, alter und unbequemer Menschen alltäglich. Als ich im Altenpflegeheim arbeitete, wurde ich mehrmals von Bewohnern angesprochen, ich möge sie umbringen, da sie nicht mehr leben wollten. In solchen Fällen ist ein klares Nein nicht genug; die Frager wollen einen Grund hören, warum sie noch leben sollen. Manchmal ist es für den Augenblick genug zu sagen „Sie sind ein wunderbarer, lieber, kostbarer Mensch und ich mache Sie nicht kaputt“. Manchmal wollen Menschen genauere Gründe hören. Und manchmal sagte ich am Ende schlicht freundlich, aber bestimmt: „Ich habe noch nie einen Menschen umgebracht, und so soll es bleiben.“

Ich war dabei nur die zufällig angesproche Pflegehelferin. Und ich hatte diesen Job nur ein Jahr lang. Schwestern, Pfleger und Ärzte hören solche Bitten sehr häufig. Und sie haben die Mittel, solchen Wünschen nachzukommen. Die meisten von ihnen tun es, Gott sei Dank, trotzdem nie. Leider ist der Personalmangel in Krankenhäusern zu groß, um wirkliches Eingehen auf solche Bitten zu ermöglichen; man kann nun einmal nicht in aller Eile zwischen Tür und Angel einem leidenden, womöglich dementen Menschen erklären, warum man sein Leben erhaltenswert findet.

Die alte Fassung des § 217 StGB besagte, daß eine Mutter, die ihr uneheliches Kind tötet, mit Gefängnisstrafe von höchstens fünf Jahren zu rechnen hatte. Damit wurde in Zeiten gesellschaftlicher Ächtung Unehelicher der besonderen Notlage der Mütter Rechnung getragen, zugleich aber gewissermaßen dem Kegelchen ein geringerer Wert beigemessen als dem ehelich geborenen Kind. Dieser Paragraph wurde gestrichen, als seine Begründung schon seit Jahrzehnten obsolet war. (Ich will hier nicht diskutieren, wie weit es sinnvoll ist, einen Menschen nach einer einmaligen Verzweiflungstat einzusperren; es geht mir nur um den Blick auf Tat und Opfer.)

Zur Zeit wird ein neuer § 217 diskutiert, in dem es wieder darum geht, daß Tötung unter Umständen nicht so ganz strafwürdig ist. Geplant ist eine Fassung, die das Verbot aus § 216 zunächst bestätigt, im zweiten Absatz aber auf schwammige Art zurücknimmt:

§ 217
Gewerbsmäßige Förderung der Selbsttötung

(1) Wer absichtlich und gewerbsmäßig einem anderen die Gelegenheit zur Selbsttötung gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ein nicht gewerbsmäßig handelnder Teilnehmer ist straffrei, wenn der in Absatz 1 genannte andere sein Angehöriger oder eine andere ihm nahe stehende Person ist.

Nicht gewerbsmäßig handelt auch ein Sterbehelfer, der von dem Sterbenden ein Erbe erwartet oder als Verwandter einerseits moralische Verpflichtung zur Pflege verspürt und andererseits müde geworden ist. Es muß dabei nicht einmal bewußte Bosheit im Spiel sein; die Aussicht, nach einer langen Zeit großer Knappheit, Sorge um den Verwandten und anstrenger Pflege nicht nur einer beschwerlichen Pflicht ledig zu sein, sondern auch ein schönes Stück Geld zu bekommen, kann den schärfsten Verstand vernebeln. Zudem ist „nahestehend“ nicht weiter definiert; damit wäre es Interpretationssache, ob der stets hilfsbereite, nicht verwandte oder verschwägerte Nachbar oder auch der gewöhnlich durch Abwesenheit glänzende nahe Verwandte dem Sterbewilligen nahesteht.

Aktive Sterbehelfer glauben fest an die Notwendigkeit und Menschlichkeit ihrer Arbeit. Eine ARD-Dokumentation über Menschen, die sich bei ausweglosen schweren Gebrechen, trotz umfassender und liebevoller Pflege, für die assistierte Selbsttötung entschieden und die sanft und zufrieden starben, scheint den Sterbehelfern Recht zu geben. Die Argumente eines jungen Tetraplegikers, der seinen kaputten Körper nicht mehr will und ein Ende machen will, ehe er auch seine Seele abstoßend findet, sind ernstzunehmen, und er trug sie ohne jede Larmoyanz oder Sentimentalität vor. Ich habe nicht das Recht, diese Entscheidung zu verurteilen, und bekenne, völlig ratlos vor solchen Fällen zu stehen.

Aber wenn Sterbehilfe legalisiert wird, stehen nicht nur Schwerkranke und ihre Angehörigen unter ständigem Rechtfertigungsdruck (denn Sterbehilfe ist in der Regel erheblich ressourcenschonender und kostengünstiger als Weiterleben). Nicht nur wird der Mißbrauch der Sterbehilfe – Überreden und Nötigen unbequemer Kranker – sehr leicht sein. Menschen können von kranken Mitmenschen genötigt werden, zu töten. Tötung könnte eingefordert werden. Menschen müßten sich über kurz oder lang fragen lassen, warum sie die dementen Großeltern noch immer nicht getötet haben – oder auch, warum sie sich selbst noch immer nicht haben töten lassen.

Die moralische Qualität einer Tat hängt nicht davon ab, ob der Handelnde sie gut oder schlecht findet, und auch nicht davon, ob er für ihre Ausführung Geld bekommt oder nicht. Sterbehilfe wird nicht besser dadurch, daß der ausführende Arzt ehrlichen Herzens glaubt, gut und sozial zu handeln, und auch nicht dadurch, daß er kein Honorar nimmt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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24 Antworten zu Sterbenswünsche

  1. Gerd schreibt:

    >>Ich habe nicht das Recht, diese Entscheidung zu verurteilen, und bekenne, völlig ratlos vor solchen Fällen zu stehen.<>Aber wenn Sterbehilfe legalisiert wird, stehen nicht nur Schwerkranke und ihre Angehörigen unter ständigem Rechtfertigungsdruck<<

    Das ist doch ein Urteil, dass die Verurteilung der Sterbehilfe klar macht. Die von dir angesprochenen Dokumentationen in der ARD oder anderswo, haben nur einen Zweck: Die Sterbehilfe unter dem Deckmantel der Humanität als etwas vollkommen Normales erscheinen zu lassen. Aber das ist es nicht! Das muss verurteilt werden. Selbst der kranke Mensch, der sich selber nicht mehr als wertvoll erachtet, hat ein Recht auf den Bruder oder die Schwester, die ihn zum wertvollsten Menschen auf der Welt erklären. Das allein kann unsere Ratlosigkeit in Luft auflösen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      In den vorgestellten Fällen war es wohl in der Tat so, daß die Angehörigen der Sterbewilligen sie überaus wertvoll fanden und die Entscheidung nicht leichten Herzens wegsteckten, sondern respektierten.
      Aber das ändert für mich nichts Grundsätzliches. Ein weiteres Argument gegen Sterbehilfe ist nämlich der, der es tut oder zuläßt. Auch ein schwer leidender Mensch hat nicht das Recht, andere Menschen zum Töten zu bringen.

  2. aebb2322y9 schreibt:

    Die Ratlosigkeit in einzelnen Fällen kann ich nachvollziehen, sie sollte aber nicht den Blick verstellen, dass es noch andere Dilemmata geben könnte. Ich selbst kenne einen Fall in denen ein (vermeintlich) dem Tode geweihter Patient um Sterbehilfe bat, die nicht gewährt wurde. Der Patient hat sich teilweise wieder erholt und hat noch viel länger als erwartet gut gelebt, konnte noch manches regeln und seinen Frieden machen. Alleine die Vorstellung, dass ihm jemand das „entscheidende“ Medikament besorgt hätte, lässt mich schaudern. In der Diskussion über die Legalisierung sollten auch diese Fälle bedacht werden.

    Die Auflösung einer vermeintlichen todesnahen Situation durch aktive Sterbehilfe sollte m.E. nie die Lösung sein.

  3. Sathiya schreibt:

    (via stefanolix)
    Ein guter Artikel. Ein schwieriges Thema, gerade in Deutschland.
    Sterben ist meines Erachtens keine Katastrophe oder Naturereignis, das es so weit wie möglich hinauszuschieben gilt, sondern ein Menschenrecht. Wenn jemand sein Leben beenden möchte – egal aus welchem Grund – muß ihm die Möglichkeit dazu gegeben werden. Das gehört für mich zum Begriff der „Würde“ und des Rechtes auf Selbstbestimmung dazu.
    Als Krankenschwester habe ich mich öfter in der nicht sonderlich angenehmen Lage befunden, solche Wünsche vorgetragen zu bekommen. Die Gründe der Kranken gehen mich nichts an, es ist auch nicht meine Aufgabe, ihnen ein Gefühl von (Selbst-)Wert zu vermitteln. Die einzig mögliche Antwort ist da: ich werde nicht töten.
    Gleichzeitig ist es aber auch unethisch, einen anderen leiden zu lassen, nur damit man selbst nicht gegen das Gesetz verstößt – ein Dilemma moralischer, sittlicher, ethischer Art.
    Wenn mich ein naher Angehöriger darum bäte, ihm behilflich zu sein, ich würde es wahrscheinlich tun. Ein Fremder? Nein, definitiv nicht.
    Ich achte aber und respektiere die Menschen, die sowas auf sich nehmen. Es ist bestimmt nicht leicht, für den Tod eines Mitmenschen, mittelbar, verantwortlich zu sein.
    Ich wünsche mir, wenn ich in eine solche Lage kommen sollte, den Tod dem Leben vorzuziehen, es dann hilfsbereite und mutige Menschen gibt, die meinen Wunsch respektieren und mir helfen.
    Viele Grüße, Sathiya

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen, Sathiya.
      Dank für diesen Kommentar. Ich stimme zwar nicht zu – aber ich habe Respekt vor dieser Ansicht. Eine gesetzliche Regelung wie die geplante würde aber die eigenverantwortliche Handlung zu einer Banalität machen und über kurz oder lang zu einem einforderbaren Recht.

  4. Sathiya schreibt:

    Vielen Dank für Ihre Antwort. Das habe ich mir gedacht 🙂 – trotzdem Respekt für das Zulassen einer anderen Meinung in Ihrem Blog.
    Ich würde dazu gern noch einen anderen Aspekt vorbringen.
    Das Gesetz muß auch dem Fortschritt in Medizin und Technik Rechnung tragen. Rein theoretisch könnte man heute einen Menschen beinahe unbegrenzt lange am Leben erhalten, limitiert nur durch das Organversagen und den Hirntod. Vor dreißig, vierzig Jahren noch sind die Menschen eben einfach gestorben, wenn die Medizin mit ihrer Weisheit am Ende war, und mußten nicht noch jahrelanges Leiden auf sich nehmen wie jetzt, nur weil die heutigen Methoden und Techniken es möglich machen.
    Und ich glaube nicht, daß es jemals banal werden würde. Dazu ist das Leben zu kostbar – aus sich heraus, ohne daß es erst ein Gesetz dazu erklären muß.
    Es ist ein Dilemma – und die Gesetzgebung versucht dies unter Berücksichtigung aller möglichen Umstände zu berücksichtigen. Man muß sich nur einmal vorstellen, was für Leid und wieviel Schmerz ein Mensch aushalten muß, um seinen Tod zu wollen.
    Wer sind wir, daß wir darüber bestimmen wollen, wieviel Schmerzen, Leiden, Demütigungen, psychische Deformierungen infolge von Krankheit, Unfall, Entstellung ein Mitmensch aushalten können muß?
    Hoffen wir, daß der Gesetzgeber eine ethisch und moralisch richtige Entscheidung trifft. Es gibt ein Recht auf Leben – aber es gibt keine Pflicht dazu. Das darf man nicht vergessen – bei aller Abneigung, eventuell umittelbar selbst für den Tod eines anderen verantwortlich sein zu müssen.
    Viele Grüße, Sathiya

  5. Gerd schreibt:

    >>Es gibt ein Recht auf Leben – aber es gibt keine Pflicht dazu.<<

    Dann verstehe ich nicht wie sie Krankenschwester werden konnten. Natürlich gibt es eine Pflicht zu leben, jedes Hospital spricht da Bände. Wenn es, Gott behüte, irgendwann mal ein Recht zur Selbsttötung gibt, brauchen wir keine Krankenschwestern mehr, geschweige denn Ärzte.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das sehe ich etwas anders.
      Es gibt kein Recht auf Selbsttötung – da sind wir uns einig. Es gibt jedoch Fälle, in denen ich Selbsttötung verstehen kann, auch wenn ich sie nicht billige. Zudem schrieb Sathiya ja keinesfalls, Selbsttötung sei ratsam oder gar, es gebe eine Pflicht zur Selbsttötung. Meine Befürchtung ist allerdings, daß, wenn das Gesetz in der vorgeschlagenen Form angenommen wird, in der öffentlichen Wahrnehmung Selbsttötung unheilbar Kranker immer mehr als moralische Pflicht gesehen wird.

      • Sathiya schreibt:

        Frau Sperling – ich teile Ihre Befürchtung. In einem Land, das „Wirtschaftlichkeit“ zum neuen Gott erklärt hat, ist das eine nur zu logische Überlegung. Trotzdem plädiere ich aus tiefster Überzeugung für das Recht des Menschen, sein Leiden auf eigenen Wunsch hin beenden zu dürfen, ohne daraus eine Pflicht ableiten zu wollen.
        Wir dürfen auch auf keinen Fall vergessen, daß es ein „Euthanasie“-Gesetz schon einmal auf deutschem Boden gegeben hat, und ebenfalls in der Öffentlichkeit breiten Zuspruch fand. Es ist ein Drahseilakt auf Messers Schneide. Alles andere als einfach. Ich bin nur froh, daß ich keiner der Richter bin, die das zu entscheiden haben…!!
        Ich kann sehr gut verstehen, daß die Menschen Angst vor dem Tod haben und alles tun, damit er ihnen nicht begegnet oder sie nicht dafür verantwortlich gemacht werden können.
        Mit meiner Bemerkung, die Sie so sehr stört, Herr Gerd, meinte ich nur: es gibt keine Pflicht, Leiden und Schmerzen über das Maß hinaus erdulden zu müssen.
        Sollte dies einmal der Fall sein und in einem Gesetz derart verankert werden, werde ich mich vehement dagegen auflehnen und alles tun, damit dieser Passus gestrichen und eine Sterbehilfe, die die Würde des Menschen an oberste Stelle setzt, etabliert werden kann.
        Viel Grüße, Sathiya

  6. Gerd schreibt:

    Vielleicht nur soviel. Ich sehe den Menschen als Geschöpf und nicht als Macher. Die ganze Diskussion um die aktive Sterbehilfe, Selbsttötung und natürlich auch die Abtreibung, steht gar nicht in der Verantwortung des Menschen, weil er über sein Leben gar nicht so frei entscheiden kann, wie es die Befürworterder Selbsttötung immer behaupten. Es sei denn, ein lebender Mensch gibt den Beweis, dass er aus sich selber lebt, sich selber geschaffen hat. Dann kann er auch meinetwegen aus dem Leben scheiden, wenn ihm danach ist. Aber wir leben, weil der Schöpfer das will. Der Selbst“mord“, ein Begriff der ja auch schon entsorgt wurde, ist immer ein Verstoß gegen den Willen Gottes, dass der Mensch lebt. Selbst unser Grundgesetz beginnt, hoffentlich noch lange, mit den Worten: In Verantwortung vor Gott und den Menschen. Diese Verantwortung sollten wir ernst nehmen. Leider sind, durch die Abtreibungsmentalität in unserem Land, die Dämme schon gebrochen. Man kann natürlich verstehen, warum sich ein Mensch so oder so verhält, z.B. ein Bankräuber der seine Familie ernähren will und deshalb die Filiale der Sparkasse überfällt, aber niemand kommt auf den Gedanken Bankraub u. U. straffrei zu lassen. Das steht dann wieder in der Verantwortung des Menschen.

  7. Gerd schreibt:

    >>Trotzdem plädiere ich aus tiefster Überzeugung für das Recht des Menschen, sein Leiden auf eigenen Wunsch hin beenden zu dürfen, ohne daraus eine Pflicht ableiten zu wollen.<<

    Das wird aber nicht funktionieren. Das hat es bei der Abtreibung nicht und wird auch bei der Euthanasie so sein. Es gibt ja genügend Fälle, wo der Leidende zu keiner Handlung mehr fähig ist, wer sorgt dann die Inanspruchnahme seines Rechtes auf Selbstötung? Sie oder ich? Ein Arzt, ein Angehöriger, ein Notar? Ich lebe in der Grenzregion zu den Niederlanden, hier werden die Alten-und Pflegeheime mit vermehrten Anträgen von Senioren aus unserem Nachbarland konfrontiert die Angst haben gegen ihren Willen euthanisiert zu werden. Das und nur das sind die Früchte einer falschen und naturalisierten Rechtssprechung. Warum sollten sie und ich etwas fordern, was zum Scheitern verurteilt ist?

    • Sathiya schreibt:

      Das ist tatsächlich ein Dilemma der schlimmsten Art.
      Und ich kann es Ihnen nicht beantworten. Ich sage nur, was ich mir für mich wünsche: daß im Falle, daß ich mir selbst nicht mehr helfen kann, jemand mutiges, hochherziges, mitfühlendes bereit ist, mich in meinem Sterben zu unterstützen, ohne sich damit strafbar zu machen. DAS ist es. Diesen Wunsch in ein Gesetz zu formulieren, das möglich zu machen, ist die Aufgabe des Gesetzgebers.
      Und „gegen den eigenen Willen euthanasiert zu werden“ – das mag ich nicht glauben. Die Niederlande sind ja sehr liberal – aber … !!! Das wär ja absolut absurd. Das hat mich Sterbehilfe, wie ich sie verstehe, und wie sie gedacht ist, nichts mehr zu tun.
      Der Gesetzgeber muß da SEHR genau formulieren, SEHR SEHR GENAU.
      O Gott. Diesen Aspekt habe ich nicht gesehen, weil er mir so abartig erscheint. Aber ich kann nun einen der Gründe besser verstehen, wieso Sie dagegen sind.
      Leicht geschockt, Sathiya

      • Gerd schreibt:

        >>Ich sage nur, was ich mir für mich wünsche: daß im Falle, daß ich mir selbst nicht mehr helfen kann, jemand mutiges, hochherziges, mitfühlendes bereit ist, mich in meinem Sterben zu unterstützen, ohne sich damit strafbar zu machen.<<

        Das geht immer und überall. "Nicht durch die Hand des anderen sterben, sondern an der Hand." Ich glaube das ist von Kardinal König. Darauf hat jeder Mensch ein Recht und es braucht noch nicht einmal in Gesetze gegossen zu werden.

  8. isa schreibt:

    Brauchen wir immer neue Gesetzte und Verbote? Sterben in Würde möglich machen wäre doch eine Option, das Leiden in einen erträglichen Weg des Sterbens zu verwandeln. Leidende und Todkranke gehören nicht in Krankenhäuser! Aber wohin? Wo ist unsere Kultur des Pflegens und des Sterbens? Wer ist für sie da? Wir haben eigentlich keine! Die wenigen Hospize und häuslichen Betreuungs- und Begleitungsmöglichkeiten der Palliativmedizin reichen nur für einen Bruchteil der Bevölkerung. Familienangehörige fühlen sich überfordert. Wo bleibt die Würde des Menschen? Ist es da ein Wunder, dass sich heute so viele davor fürchten zu Tode gequält zu werden, statt darauf vertrauen zu können sich in Frieden, gut versorgt und betreut lösen zu dürfen? Das gleiche gilt für Menschen mit Behinderungen. Wer am Leben teilhaben kann und in seinem Dasein noch einen Sinn erkennt, wünscht sich nicht den verfrühten Tod! Wie steht es denn mit der Inklusion?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Es gibt immer wieder Fälle, in denen Inklusion nicht möglich ist und Leben mit viel Qual verbunden – und es wäre blauäugig zu glauben, das könne man grundsätzlich ändern.
      Hospize müssen gefördert werden, da sind wir uns einig. Oft ist häusliche Pflege auch durch wohlsituierte und äußerst gutwillige Angehörige schlicht nicht mehr zu leisten.
      Und trotzdem – in dem Augenblick, wo dieser Gesetzesentwurf durchkommt, geht ein weiteres Stück Respekt vor dem Leben verloren, und, wie ich bereits anmerkte, werden neue Möglichkeiten aufgetan, die Tötung moralisch zu fordern. Davor graust mir.

      • isa schreibt:

        Mir graust es auch, besonders vom Umgang mit Gesetzen. Gesetze können umgekehrt auch respektlos angewandt werden. Ich versuche noch einmal aufzuzeigen, wie ich den Umgang der Gesellschaft mit seinen Gesetzen und mit Leid sehe.
        Es geht mir einmal um die alte Gewohnheit in unserem Land, dass leidvolles Leben, oder das was man im zivilisierten Leben dafür hält, unsichtbar bleiben soll. Daran hat sich seit x Jahren nichts geändert, weil es nicht um den Menschen und seine Würde geht, sondern um Wirtschaftsfaktoren und um Macht. Daraus könnte sich einige deiner Befürchtungen entwickeln, sollte der Entwurf durchkommen. Es hat sich auch nichts an der Verunsicherung geändert wie man mit verzweifelten gequälten Menschen umgehen kann. Zum weiteren geht es darum, dass jede Zeit sich ihre Gesetze zurechtrückt, gerade auch wenn vermehrt Wünsche auftauchen der Veränderung einer Zeit nachzukommen. Das war beim §218 nicht anders als nun mit dem diskutierten §217. Ob eine „Anpassung“ hier wirklich zu weiterer menschlichen Verrohung führt wie du oben horrormäßig beschrieben hast weiß ich nicht. Ich meine, dass jeder Mensch sich im Laufe seiner Entwicklung ein Bild von sich selbst, von seiner Existenz zu machen versucht. Die Kultur in die er geboren wurde und viele Erfahrungen sind daran beteiligt. Möglichkeiten menschenwürdige Erfahrungen zu sammeln müssten in der Gesellschaft erst einmal wieder reichlich geschaffen werden, um Leben wirklich begreifen zu können. Deshalb glaube ich, dass es viel größerer Anstrengungen bedarf einen Boden zu schaffen auf dem Leben gewollt und geachtet ist und auch gedeihen kann. Dass wir lernen können dem Leid zu begegnen egal wo oder wie wir es antreffen, als Betroffene und als Gesellschaft. Das Bild ist auch nicht utopischer als dein Horrorszenario. So würden aber kaum noch Menschen ihr Leben im Leid aufgeben wollen und es bestünde weniger der Wunsch in der Gesellschaft Gesetze einseitig dahingehend anzupassen. Gesetze allein lösen kein Problem.
        Ich weiß was es heißt ein Pflegefall zu sein. Und ich weiß was ein Leben verbunden mit Qualen bedeutet. Und ich bin der Überzeugung, dass jeder betroffene Mensch sein Leben selbst verantworten muss und darf, dabei aber kein Recht hat auf Verlangen getötet zu werden. Andererseits hat niemand das Recht ein Siechtum einzuleiten, dessen Rücknahme dann als aktive Sterbehilfe verboten würde. Sollte der Paragraph geändert werden wird in Patientenverfügungen dann auch noch klar stehen müssen ob man aktive Sterbehilfe zulässt oder nicht.
        Im präzise Ausdrücken bin ich nicht so bewandert. Vielleicht verstehst du trotzdem ein bisschen von welcher Seite ich an dein Thema herankommen will.
        Kennst du das Buch: https://www.amazon.de/Zwei-Frauen-Legende-Verrat-Tapferkeit/dp/3492245692 Da geht es auch um ein Gesetz das es erlaubt Alte und Kranke dem Tod preiszugeben.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Isa, ja, das Buch kenne ich – lang her, daß ich es gelesen habe, aber es hat mir sehr großen Eindruck gemacht. Gerade weil die beiden Frauen nicht als Unschuldsengel dargestellt werden, sondern durchaus Zickenpotential haben und belastend sind. Und doch ist ihr Leben wertvoll.

        Ich verstehe durchaus, was Du meinst. Und solange wirklich der Leidende der einzige Mensch ist, der über sein Leben entscheidet, kann ich Selbsttötung zwar immer noch nicht billigen, aber unter Umständen respektieren. Aber sobald irgendjemand anders mitbeteiligt ist, sei es durch Verabreichung oder „nur“ durch Überreden, ist die freie Entscheidung nicht mehr wirklich gegeben.

  9. aebb2322y9 schreibt:

    Hallo zusammen, ich hatte oben schon etwas geschrieben. Beim Lesen aller Beiträge ist mir noch so einiges durch den Kopf gegangen, diese Gedanken möchte ich noch beisteuern. Vorab sei gesagt sei, dass das folgende nicht leichtfertig und spekulativ schreibe. Ich habe selbst leider schon 5 Pflegefälle erlebt, davon in den letzten Jahren 3 der allerschwersten Art. An oberster Stelle steht für mich der Wunsch nach einem Sterben in Würde und einem möglichst wenig qualvollen Weg dorthin. Wenn ich mir die Struktur des Gesundheitswesen und Vorgehensweise in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen anschaue steht dem eine ganze Menge entgegen. Eine aktive Sterbehilfe würde nur einen Bruchteil der Probleme lösen. Wenn es wirklich um das Wohl der Pflegebedürftigen und Sterbenden ginge könnte man eine ganze Reihe anderer Gesetze formulieren, die mehr Menschen mehr nützen würde als die Legalisierung von Tötungs-Medikamenten. Z.B.

    Weitere Legalisierung von Schmerztherapien.
    Deprivatisierung von Pflegeeinrichtungen: Der Zwang mit den Patienten Geld zu verdienen vernichtet viel Würde. Wenn mit dem Leid der Menschen kein Proft mehr gemacht werden würde, wäre auch finanzieller Spielraum vorhanden alternative Konzepte (Hospize) oder häusliche Pflege stärker zu fördern.
    Deprivatisierung von Krankenhäusern.

    Wenn ich auf die Zeit, die ich mit Sterbenden verbracht habe zurück schaue, stand die Frage nach aktiver Sterbehilfe nur einmal kurz im Raum. Die Entscheidung über die Durchführung medizinischer Behandlungen hingegen sehr oft. Hilft die Behandlung wirklich oder verlängert sie das Leid? Bei diesen Entscheidungen steht man als Angehöriger letztendlich alleine. Sowohl beim Sterben meiner Mutter als auch meines Vaters habe ich beim letzten Schritt anders entschieden als die Ärzte vorschlugen. Im Nachhinein hat mir im Falle meines Vater sogar ein Arzt unter der Hand bestätigt, dass ich im Sinne des Patienten richtig entschieden hätte. Bei der Behandlung, die der Kollege vorgeschlagen hatte, wäre mein Vater nicht bei mir sondern auf dem OP Tisch oder kurz danach auf der Intensivstation gestorben. Der entscheidende Unterschied für das Krankenhaus wäre ein anderer gewesen – es hätte noch eine OP verrechnet werden können. Das macht mich traurig, dass Ärzte mehr oder weniger gezwungen sind Behandlungen aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus vorzuschlagen und das Wohl des Patienten an zweiter Stelle kommt.

    Ich denke die Privatisierung des Gesundheitswesens ist ein Irrweg. Durch die Privatisierung sind weder die Kosten für die Versicherten gesunken noch ist die Qualität gestiegen. All die wirtschaftlichen Aspekte im Gesundheitswesen dienen dazu, dass Aktiengesellschaften Gewinne einfahren und die Aktionäre Dividende bekommen. Und wie immer erwischt es in einem profitorientierten System die Schwächsten zuerst. Die Pflege und Betreuung Sterbender ist nicht lukrativ, deshalb schlagen hier die Probleme am stärksten durch. Ich habe kein gutes Gefühl dabei wenn zur Lösung dieser Probleme die aktive Sterbehilfe herhalten muss. Ich möchte die oben genannten Gedanken über eine aktive Sterbehilfe nicht negieren, ich kann das in Einzelfällen nachvollziehen. Ich befürchte jedoch, dass die Profitorientierung im Gesundheitswesen mehr Leid und Unwürde verursacht als das Fehlen der aktiven Sterbehilfe.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ein sehr wichtiger Punkt; vielen Dank für die gründliche Darlegung.
      Mein Vater hatte sich zu einer Operation bereden lassen, in deren Folge so ziemlich alles schiefging bis zu seinem Tod. Die Operation und die Folgeoperationen brachten der Klinik Geld. Das stand meiner Ansicht nach so sehr im Vordergrund, daß über Sinn und Unsinn einer nicht lebensnotwendigen Operation bei einem über Achtzigjährigen gar nicht mehr nachgedacht wurde.
      Ein Jahr nach dem Tod meines Vaters bekam meine Mutter übrigens einen Brief von dem Krankenhaus, in dem er gestorben war, er solle zur Nachsorge kommen. Das spricht nicht für einen besonders patientenorientierten Umgang mit Krankheit.

    • Sathiya schreibt:

      Ihre Darlegung ist eine sehr wichtige Überlegung. Danke dafür.
      Ich bin ja für Sterbehilfe, wie man meinen Beiträgen unschwer entnehmen kann.
      Aber es ist mindestens ebenso wichtig, die Struktur des Gesundheitswesens und der Kranken-Industrie zu verändern. Mit Kranken und Leidenden darf kein Gewinn mehr erwirtschaftet werden.
      Schmerztherapie muß endlich ausreichend und adäquat werden, die unrationale Angst vor Schmerzmittelmißbrauch muß hinterfragt werden. Es müssen mehr Hospize eingerichtet werden, Sterbehäuser, wo die Menschen in Würde, Ruhe, Frieden und ganz im Einklang mit sich ihren Frieden finden können, ohne als Wirtschaftsobjekt für irgendwelche Abrechnungen herhalten zu müssen, und noch in ihren letzten Sekunden für fließende Profite zu sorgen. Die vorhandenen Hospize müssen ausgebaut und deutlich besser finanziert werden.
      Hospize sind noch zu rar in diesem Land, sie kämpfen um jeden Cent, da sie sich überwiegend aus Spenden finanzieren. Die Krankenkassen haben dafür kein Geld übrig (erschütterndes Beispiel bei uns in Wiesbaden: ein Kinderhospiz. Kinder…!!!) Die Kassen sagen – austherapiert, wir zahlen nicht mehr. Die Kranken und ihre Angehörigen werden somit allein gelassen und fühlen sich als Ausschußware, von der Gesellschaft aussortiert. „Schöne neue Welt“…
      Der letzte Absatz bzw. Satz ist so wahr. Ich habe Tränen in den Augen.
      Erschüttert, Sathiya

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Ich habe in der Altenpflege mal mitbekommen, daß entschieden wurde, einer uralten, dementen und meistens bettlägerigen Frau kein Morphium gegen ihre ständigen Schmerzen zu geben – weil sie davon süchtig werden könnte.
        Das ist eine Steigerung der Haltung, mit der mir mal untersagt wurde, einer 98jährigen Schokolade zu geben (das einzige, was sie gerne und reichlich essen mochte) – weil sie davon eventuell Alterszucker bekommen könnte.
        Einerseits werden Alte lieblos behandelt, andererseits wird gern so getan, als müsse man sie vor dem Altsein samt allen Folgen schützen. Das ist weder logisch noch freundlich.

      • Sathiya schreibt:

        Das ist ja an Menschenverachtung nicht zu überbieten. Ich bin empört und entsetzt. Noch vor den gerichtlichen Entmündigung kommt die alltägliche. Herabwürdigung, Respektlosigkeit, Achtlosigkeit.
        Das erinnert mich an die Geschichte von Tolstoi „Der Großvater und sein Enkel „, in welcher der Junge Brettchen zusammenträgt, um einen Napf daraus zumachen, aus dem später Vater und Mutter essen können, wenn sie alt sind. Darauf fingen die Eltern zu weinen an, holten den alten Großvater aus der Ecke, setzten ihn an den Tisch und ließen ihn von nun an wieder mitessen und störten sich nicht mehr an seinem Gesabber und Geklecker.
        (hier zum Nachlesen: http://www.initiative.cc/Artikel/2003_10_31%20Grossvater.htm )
        Das sollten sich alle eine Lehre sein lassen, die ihre alten Eltern in Altersheimen „entsorgen“, aus „Kostengründen“.
        Viele Grüße, Sathiya

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