Hilfe für Sterbende statt Sterbehilfe

Übermorgen wird entschieden, ob der neue § 217 StGB in der vorliegenden Fassung eingeführt wird oder nicht.
Wie ich dazu stehe, habe ich bereits erläutert. Legalisiert wird Sterbehilfe übrigens durch den neuen Paragraphen nicht – sie bleibt nur, wie Abtreibung, unter bestimmten Umständen straffrei – dann nämlich, wenn der Suizidassistent dabei nicht gewerblich handelt und dem Sterbenden nahesteht.

Beide Kriterien träfen zu auf einen nahen Verwandten, der sich in langjähriger Pflege aufgerieben hat und mit einem großzügigen Erbe rechnet, der also ein doppeltes Eigeninteresse am Tod des Sterbewilligen hat. Das allein wäre schon Grund genug, diese Fassung des § 217 nicht zu wollen. Hinzu kommt, daß wohl kein Mensch ohne Schaden für die eigene Seele bleibt, wenn er einen anderen zum Tode befördert. Auch wenn mir sehr klar ist, daß es grauenhaftes Leid gibt, halte ich Tötung nicht für zumutbar – und zwar dem Tötenden nicht zumutbar. Wenn aber die geplante Fassung Gesetzeskraft bekommt, ist prinzipiell jeder erwachsene Nahestehende eines Todkranken emotional erpressbar: Wenn du mich wirklich liebst, bringst du mich um, du riskierst ja nichts. Und sage mir keiner, solche Dinge seien unmöglich – ich hatte lange genug mit hinfälligen alten Menschen zu tun, um vergleichbare Forderungen zum Überdruß zu kennen.

Die vorliegende Fassung des Paragraphen ist nicht nur für Todkranke eine Gefahr, sondern auch für ihre Nächsten. Deshalb werde ich übermorgen, Donnerstag, den 29. November, um 12.00 Uhr auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude dabeisein, wenn für einen besseren, lebensfreundlichen § 217 demonstriert wird. Veranstalter ist die Organisation Solidarität statt Selbsttötung.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Hilfe für Sterbende statt Sterbehilfe

  1. Chris schreibt:

    Super Sache, am 29.11. komme ich auf jeden Fall um 12 Uhr. Wir wollen den armen, kranken und unglücklichen eine Stimme geben und nicht die Todespille!

  2. So einem Gesetz stehe ich auch ablehnend gegenüber, denn auch ich würde einen solchen Wunsch nach SterbeHilfe, würde er an mich gerichtet, ablehnen. Andererseits denke ich, daß ich selbst für mich von Niemandem erwarten oder gar verlangen würde, MICH bis an mein Ende zu „er-tragen“. Wie das einmal werden wird, da habe ich (noch) keine Vorstellung, das schiebe ich auch vor mir her. Noch habe ich das Gefühl, gebraucht zu werden, mir lieben Menschen noch viel geben zu können, für sie da sein zu können. Was aber, wenn ich das irgendwann mal nicht mehr kann, wenn ich irgendwann auf Pflege angewiesen bin, mir den Platz in irgendeiner Altenverwahranstalt aber nicht leisten kann, was wird denn dann? Klar würde ich mir wünschen, daß der Große Meister den Hebel dann ganz schnell rumlegt, er mir rechtzeitig einen Platz beim Fährmann bucht, der mich an das andere Ufer des Großen Flusses rudert, aber das(das weißt Du ja selber am Besten)können wir uns eben nicht aussuchen. Und vielleicht gibt es ja doch dann jemanden, der mir beim Kreuztragen hilft, dem ich dann hoffentlich auch meine Dankbarkeit zeigen kann. Es steht uns nicht an, das Leben Anderer in irgendeiner Weise zu beenden, aber wie ist es mit unserem eigenen? Ich weiß es nicht. ER wird es mir im BedarfsFall sagen, denk ich. Denn ER hat schon so manche Weiche für mich gestellt, über die ich gefahren bin und sehr gut damit gefahren bin.
    Ganz liebe Grüße aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang.

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