Der Tod und das Geld

Heute fand bei höchst ungemütlichem Wetter vor dem Reichstagsgebäude eine Kundgebung gegen den derzeitigen Entwurf des § 217 StGB statt. Leider waren nur wenige Leute da – aber das tat der Veranstaltung keinen Abbruch. Besonders hat mich gefreut, daß ich den Journalisten und Blogger Peter Winnemöller dort traf und hinterher auch noch eine Weile mit ihm plaudern konnte. (Bloggen macht nämlich nicht einsam und unsozial, sondern ganz im Gegenteil!)


Hier noch einige Überlegungen zum Thema Sterbehilfe, die auf der Veranstaltung nicht im Vordergrund standen, meiner Meinung nach aber auch wichtig sind.

Angenommen, kein Mensch wird beim Suizid unterstützt. Ferner angenommen, kein Mensch wird mehr vor der Geburt getötet. Und schließlich angenommen, die moderne Medizin hilft armen Leuten im Notfall genau so gründlich und kompetent wie reichen.

Überalterung der Gesellschaft wäre auch bei einer stärker werdenden Geburtenrate in den nächsten zwanzig Jahren ein fast unverändertes, später ein nur etwas geringeres Problem. Denn natürlich ist es schwierig für die Gesellschaft, wenn zahlreiche erwachsene Leute auf ständige und kostspielige Hilfe angewiesen sind. Natürlich wird dies Problem dadurch nicht geringer, daß viele Behinderte, die noch vor wenigen Jahrzehnten bald gestorben wären, heutzutage die Chance auf ein langes Leben haben. Es ist Augenwischerei, so zu tun, als sei das keine Belastung.

Und natürlich habe ich keine schnellfertige Lösung für dies Problem.

Daß jedoch eine schöne neue Welt entstehen soll, in der alles, was nicht rechtzeitig abgetrieben wurde, totgespritzt wird, in der Alte, Schwerkranke und Behinderte sich ständig für ihr Dasein rechtfertigen müssen und in der dies Dasein beendet wird, wenn sie sich nicht mehr rechtfertigen können – das ist unbestreitbar eine Lösung des demographischen Problems, aber die schlechteste, auf die man kommen kann.

Denn es spart zwar zweifellos viel Geld, besonders kostenintensive Menschen schnell zu beseitigen (womit natürlich Überlegungen in Richtung Abtreibung Behinderter und Sterbehilfe bei stark Pflegebedürftigen absolut nichts zu tun haben, nie und nimmer). Aber noch mehr als Geld spart es Menschlichkeit und Kultur. Eine solche Gesellschaft will ich mir und anderen gern sparen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Der Tod und das Geld

  1. Alipius schreibt:

    Jau! Eine solche Gesellschaft will ich auch nicht! Danke!

  2. Indication schreibt:

    Gut hast du das formuliert! Solch eine Gesellschaft wollte ich auch nicht !
    Gruß Bärbel

  3. isa schreibt:

    Keiner will imgrunde so eine Gesellschaft. Leider aber auch kaum jemand grundlegende gesellschaftliche Reformen auf die man solche Werte auch gut aufbauen kann. Wir sind heute über fast alles informiert was gesellschaftlich und wirtschaftlich am entgleisen ist. Wir sehen die Waage wir sehen das Lot. Aber das Ruder haben wir aus den Augen verloren.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Schön wäre es, Isa. Leider wollen ziemlich viele Leute so eine Gesellschaft, auch wenn sie es nicht so ausdrücken. Leute wie Peter Singer sind ja durchaus angesehen.

      • isa schreibt:

        Das Volk besteht nicht nur aus Wissenschaftlern und Bankern. Aber gerade durch deren Einfluss und dem allgemeinen Glauben daran, durchleben wir ein vorwiegend kopflastiges Zeitalter. „Ziemlich viele Leute“ sind damit überfordert. Und ich auch. Schlimm genug, dass es auch“ziemlich vielen“unserer Politiker so geht und sie sich trotzdem blind auf alles mögliche einlassen. Dem Rest der Welt bleibt, zu versuchen, sich den allgemeinen Lebensbedingungen anzupassen. Menschen werden dabei angetrieben, mit Macht ihre Existenz zu wahren und das selbst dann, wenn es menschlich moralisch verwerflich ist. So sehe ich das.
        Trotzdem möchte ich nicht glauben, dass eine Gesellschaft an unwürdigen angepassten Einstellungen zu „Leben und Sterben“ festhalten würde, wenn für Mensch, Tier und Natur bessere Existenzbedingungen bereit stünden, als wir sie heute mit unserem wissenschaftlich begrenzten Menschen- und Weltbild haben.
        Eine „schnellfertige Lösung“ kann es für kaum etwas geben. Deshalb finde ich die Präsenz für Meinungen die alle betreffen so wichtig. Es braucht nur noch eine Lösung dafür, dass sie wirklich gehört, ernst genommen und berücksichtigt werden, bevor etwas Grundlegendes für alle festgeschrieben wird.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Es gibt Gemeinheit durchaus auch außerhalb von Banken und fern der Wissenschaften (die übrigens zu vielfältig und zu verschieden sind, um irgendetwas Eindeutiges über „die Wissenschaften“ zu sagen).
        Gerade deshalb hört Aufklärung nicht auf, notwendig zu sein – lebensnotwendig für die Schwächsten.

  4. isa schreibt:

    Ja, richtig, das gibt es und Aufklärung ist sehr notwendig. Es klären aber alle auf und jeder in seinem eigenen Interesse. Es sind Banken Wirtschaftsunternehmen Versicherungen, die früh den Fuß in den Türen der Schulen haben, auch wenn die Einflußnahme so rechtlich nicht erlaubt ist. Das ist unser derzeitiges System. Und das macht es so schwer eine Aufklärung im Interesse der Schwächsten einzubringen.

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