Tür 6

Barthold Heinrich Brockes
Winter-Vergnügen im Zimmer

Wann draussen die erstarrte Welt,
Mit scharfem Frost, der dunckle Winter schrecket,
Wenn schroffes Eis das harte Feld,
Mit rauhen Schollen, drückt und decket,
Vergönnet mir des Schöpfers Güte,
Daß, mit Bequemlichkeit und ruhigem Gemüthe,
Ich ein vergnüglich Feur, in meinem Zimmer,
Den wärmenden Camin mit Lust erleuchten seh‘.
Es steigt der regen Flammen Schimmer
Roth, gelb und weiß zugleich, hell-lodernd in die Höh;
Wovon durch jeden Sinn, der ihre Kraft verspüret,
Ich Freuden-voll erquickt werd‘ und gerühret.
Ich sehe die getheilten Spitzen,
Um für den scharfen Frost mich gleichsam zu beschützen,
Mit reger Aemsigkeit sich aufwerts schwingen.
Ich fühle durch die starre Brust
Ein sanftes Wohl, und eine laue Lust
In meinen gantzen Cörper dringen,
Und, was durch Kälte starr, erfrischen.
Ich hör‘ ein muntres Rauschen zischen,
Ein durch die schnelle Loh erregtes Schallen,
Mit oftmahls unterbrochnem Knallen,
Der in dem Holtz verschränckt- und schnell- befreyten Luft,
Wodurch, bald hier bald dort, gesprengte Funcken fliegen.
Ich rieche den gesunden Duft
Der fetten Fichten mit Vergnügen.
Es schmeckt bey dieser Zeit das holde Kraut, der Thee,
Den ich in grüner Farb‘ in seinen Schälchen seh‘,
Den kalten Lippen wohl. Bald wärmt ein heisser Wein,
Voll süsser Säurlichkeit und Lust, Hand Mund und Magen.
Man sieht mit Lust zu Tische tragen
Castanien, die süsse Winterkost;
Und was der Anmuth mehr, die auch im strengen Frost
Uns unser GOTT, der liebe Vater, schencket.

Die Kinder stehen auch, vergnüget durch den Schein,
Und halten gegen’s Feur, von ihrer kalten Hand
Die kleinen Finger, ausgespannt;
Wobey sie sich denn sonderlich ergetzen,
Wenn sie, mit kindischem Gewühl,
Ein Aepfelchen ans Feur zu braten setzen.

Wenn ich sodann durchs Fenster seh‘,
Wie draussen alles voller Schnee,
Wie schwartz die Luft, wie scharf und kalt,
Und dencke, wie bequem und gut der Aufenthalt,
Den mir des Schöpfers Güte gönnet;
So danck‘ ich Ihm mit Recht. Ich denck‘ auch öfters nach,
Wie wahr es sey, was jener sprach,
Von einer warmen Stub‘ in kalter Winters-Zeit:
Daß bloß ein Scheiben-Glas der Unterscheid,
Der gleichsam Africa von Nova Zembla trennet.

Gott gieb daß, so von mir, als meiner kleinen Heerde,
Dein‘ Allmacht, wie gefühlt, auch so erkennet werde!
Und laß uns doch davor, o Vater! Dir allein
In öfterer Betrachtung danckbar seyn!

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Antworten zu Tür 6

  1. Was für eine Zeit, in der es nach 16Uhr am Nachmittag einfach mal stockfinster war! Welch eine Bedeutung in der Zeit eine einzige kleine Kerze auf dem Tisch und ein paar Holzscheite im Kamin hatten, läßt sich heute kaum noch nachvollziehen. Trotzdem bin ich doch sehr sehr dankbar über Licht und Wärme in meiner heimatlichen Hütte, an deren vielen Fenstern jetzt gerade einige SchneeFlöckchen vorbeitreiben.
    Liebe Grüße aus der winterlichen Stadt am Meer vom Wolfgang.

  2. Wolfram schreibt:

    Das ist ein Lied nach dem Geschmack des goldlockigen Mädchens: sie ist ein wahrer Fan vom „Kamiiin“, dem sie auch abends gute Nacht sagt. Leider ist unser Holz noch nicht trocken, sondern muß noch ein, zwei Jahre warten; wenn man es mit Holzkohle gut anzieht, bringt man es bestenfalls zum Glühen, aber nicht zum Entflammen. Dann aber glüht es auch die Nacht durch, und ich schlafe nicht aus Sorge…

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