Erzwungenes Leben, vernichtetes Leben

In den 70er und 80er Jahren war die Medizin so weit fortgeschritten, daß man Sterbende noch recht lange mit maschineller Hilfe am Leben erhalten konnte – aber es blieben trotzdem Sterbende, die an dem festgehaltenen Leben keine Freude mehr hatten und bei denen es auch keine Aussicht auf irgendeine Besserung gab.
Von diesem künstlichen Erhalten ohne jede Möglichkeit zur Lebensqualität ist man teilweise abgerückt, nicht aber von der Idee, den Tod zu überlisten.

Ich will hier nicht die sehr segensreiche Arbeit der Medizin schmähen. Daß z.B. Menschen nach einer Querschnittlähmung nicht sterben, sondern in immer leichter und wendiger werdenden Rollstühlen sehr beweglich bleiben können, ist wundervoll. Es geht mir darum, daß Mediziner zuweilen zu viel des Guten tun. So gibt es ernsthafte Überlegungen, auf gentechnischem Weg den Alterungsprozess zu stoppen. Wenn das gelänge, wäre Tod nur noch durch Unfall, Verbrechen oder Selbstmord möglich, und Vermehrung müßte strenger als in China geregelt werden. Aber auch ohne diese Horrorvision gibt es schon jetzt Tendenzen in der Medizin, die Machbarkeit an die Stelle von Menschlichkeit setzen.
Andere Mißstände durch medizinischen Fortschritt haben wir längst: Alte Menschen werden zu riskanten Operationen überredet, Achtzigjährige reanimiert, damit sie statt eines friedlichen und schnellen Todes ein langes Siechtum erleiden.
Und schließlich gibt es noch zahlreiche Fälle, in denen das Sterben auch bei Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen schrecklich lange dauert.

Vor diesem Hintergrund ist teilweise erklärbar, warum Sterbehilfe ein so großes Thema geworden ist.
Der qualvoll langsame Tod wird gerade durch die hohe Lebenserwartung und die großen Möglichkeiten echter medizinischer Hilfe stärker wahrgenommen.

Der Grundgedanke der Sterbehilfe ist, weiteres Leid zu vermeiden durch die schmerzlose Beendigung des Lebens.
Dabei werden regelmäßig die Fälle angeführt, in denen dieser Wunsch eines Todkranken oder Schwerbehinderten jedem verständlich ist. Verschwiegen werden die Fälle, in denen der Kranke die Entscheidung durchaus nicht unbeeinflusst von pflegemüden Verwandten getroffen hat; verschwiegen wird auch, daß alte und hinfällige Menschen sehr häufig fürchten, anderen zur Last zu fallen, und dadurch stark beeinflußbar sind.

In der Tat verstehe ich, wenn jemand lieber tot sein will als in jeder Verrichtung vollkommen von anderen abhängig. Aber meiner Meinung nach folgt aus diesem Wunsch kein Recht. Verstehen und gutheißen ist zweierlei.

In dem Augenblick, wo die derzeitige Fassung des § 217 StGB durchgesetzt wird, gibt es zwar nach dem Wortlaut des Gesetzes immer noch kein Recht auf Sterbehilfe, aber die Straffreiheit des nichtgewerblichen Sterbehelfers scheint ein Recht auf assistierten Suizid zu begründen. (Genau auf diese Weise ist ja die Straffreiheit bei Abtreibung längst zu einem vermeintlichen Recht auf Abtreibung uminterpretiert worden, mit fatalen Folgen.)

Auch wer sehr nachvollziehbare Gründe hat, einem anderen den Tod zu wünschen, hat kein Recht, den anderen zu töten. Und auch wer sehr nachvollziehbare Gründe hat, den eigenen Tod zu wünschen, darf niemanden überreden oder nötigen, ihm die Mittel dazu zu verschaffen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Antworten zu Erzwungenes Leben, vernichtetes Leben

  1. Sathiya schreibt:

    Meine Meinung zum Thema an sich habe ich schon ausreichend dargelegt. 🙂

    Ich bin über das Gesetz irritiert. Es beachtet immer noch nicht in ausreichendem Maße das Problem der unantastbaren Würde des Menschen.
    Ob es straffrei gestellt wird oder nicht – es umschifft diese Klippe, genau wie der § 218.
    Das empfinde ich als schwache Leistung des Gesetzgebers.
    Es wird Zeit, daß endlich definiert wird, was genau Würde bedeutet und welche Rechte und Pflichten sich daraus ableiten lassen. Die Kirche und Religion können und sollten dabei beratend tätig sein.

    Ihrem letzten Satz fehlt etwas sehr wichtiges: die Bitte. Überreden – nein. Nötigen – erst recht nicht. Bitten – … Flehen – …

    Viele Grüße, Sathiya

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Man darf nach meinem Verständnis auch nicht einen Menschen zum Assistieren bei der Selbsttötung drängen. Das aber folgt aus solchen flehentlichen Bitten, wenn es auch nur scheinbar einen Rechtsanspruch auf ihre Erfüllung gibt.
      Denn der Sterbehelfer ist auch der Überlebende, der damit lebt, einen Menschen getötet zu haben. Ich halte Sterbehilfe auch für unzumutbar den Selbstmordassistenten gegenüber.

  2. Ruth schreibt:

    Das Problem ist, dass der Mensch als die höchste Instanz der Entscheidungsgewalt über sein Leben gesehen wird. Dann wird es fast zur Pflicht der Umwelt, ihm bei der Durchführung seines Sterbe- Willens zu helfen. Ohne Ehrfurcht vor Gott als dem, der das Recht hat, Leben zu geben, zu lassen oder zu nehmen ist die derzeitige Entwicklung nur folgerichtig.

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