Ein Lied vom kindlichen Konsum

Es klingt so nett, harmlos und vergnügt. Und es ist ja auch richtig, den Kindern zu Weihnachten etwas Schönes zu schenken. Was kann man gegen dies fröhliche Liedchen haben?

Weihnachtslied

Morgen, Kinder, wird’s was geben,
Morgen werden wir uns freu’n!
Welch ein Jubel, welch ein Leben
Wird in unsrem Hause sein!
Einmal werden wir noch wach,
Heißa, dann ist Weinachtstag!

Wie wird dann die Stube glänzen
Von der großen Lichterzahl!
Schöner als bei frohen Tänzen
Ein geputzter Kronensaal!
Wißt ihr noch, wie vorges Jahr
Es am Heiligen Abend war?

Wißt ihr noch die Spiele, Bücher
Und das schöne Schaukelpferd,
Schöne Kleider, woll’ne Tücher,
Puppenstube, Puppenherd?
Morgen strahlt der Kerzen Schein,
Morgen werden wir uns freu’n.

Wißt ihr noch mein Räderpferdchen,
Malchens nette Schäferin,
Jettchens Küche mit dem Herdchen
Und dem blankgeputzten Zinn?
Heinrichs bunten Harlekin
Mit der gelben Violin?

Wißt ihr noch den großen Wagen
Und die schöne Jagd von Blei?
Unsre Kleiderchen zum Tragen
Und die viele Nascherei?
Meinen fleiß’gen Sägemann
Mit der Kugel unten dran?

Welch ein schöner Tag ist morgen!
Neue Freuden hoffen wir.
Unsere guten Eltern sorgen
Lange, lange schon dafür
O gewiß, wer sie nicht ehrt
Ist der ganzen Lust nicht wert.

Interessant an diesem Lied ist für mich die Aufzählung alter Spielsachen. Aber das Lied nervt mich trotzdem. Denn Weihnachten wird darin degradiert zu einem netten Familienfest, bei dem die Kinder viele Geschenke bekommen. Weihnachten findet ohne Jesus statt. Die Eltern sorgen für das Fest, Gott kommt nicht vor.
Das ist selbst dann eine unzulässige Verkürzung von Weihnachten auf die familiäre Gemütlichkeit, wenn man das Fest – wie es mir aus Kindertagen bekannt ist – als frohes Familienfest mit religiöser Geschichte feiert. Denn diese religiöse Geschichte ist ein Grundpfeiler der Kultur. Die anrührende kleine Erzählung von der Frau, die unter so widrigen Umständen ihr erstes Kind bekommt, und von der alle Schichten umfassenden und vereinenden Freude darüber, von Hirten und Weisen und Engeln, ist in ihrer Schlichtheit und Unfaßbarkeit so schön, daß es ein Jammer ist, wenn sie nicht mehr gelesen wird. Ihre so reiche und vielfältige künstlerische Rezeption zu ignorieren, ist ein Akt der Barbarei.

Ob man das Evangelium glaubt oder nicht, steht hier gar nicht zur Debatte. Aber ein kulturstiftendes Stück Literatur zu ignorieren und Weihnachten auf Remmidemmi mit Schenkerei zu verkürzen, ist unkultiviert. Wer das Weihnachtsevangelium nicht zur Kenntnis nimmt, verdient auch keine Spekulatius.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Ein Lied vom kindlichen Konsum

  1. Wolfram schreibt:

    Heute fiele gar noch die letzte Strophe weg… und überhaupt ist dieses Lied ja furchtbar großbürgerlich!
    Ich las neulich irgendwo, inzwischen bescherten katholische Familien an Weihnachten mit Christkind, während evangelische Familien den Nikolaus wiederbelebten. Und ich gestehe, dazu neige ich auch. Der Wunsch, die Geschenkeflut zu Weihnachten zu beschränken, scheitert leider, und scheiterte schon früher in anderer Familienkonstellation, an den Großeltern und unverheirateten Tanten, die trotz bescheidener wirtschaftlicher Lage sich gegenseitig an Geschenkemenge zu übertreffen suchten… 😦
    Ich kann die Großeltern auch verstehen, die ihre Enkel viel zu selten sehen. Aber… es macht schon das „weltliche“ Fest kaputt, wenn die Kinder nur noch zählen, wer wieviel…
    Meine eigene Christnacht feiere ich zugegebenermaßen für mich, zu ganz anderen Momenten.

    Noch eins: die Weisen haben an der Krippe nichts verloren, sie gehören in eine andere Geschichte. Sie finden nicht eine reisende Familie, die in der Fremde ihr erstes Kind bekommen hat, einen greinenden Säugling mit Käseschmiere auf dem Kopf, und das ganze in einem Stall (im Sommer, weil sonst ja die Schafe drin wären) – sondern eine ansässige Familie in einem festen Haus, die Hausfrau bei ihrer Tätigkeit und einen Krabbling auf dem Fußboden, der seinen ersten Geburtstag wahrscheinlich hinter sich hat.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für diesen Hinweis.
      Ich finde es immer wieder seltsam, daß Weihnachten auch in winterwarmen Gegenden gern mit Plastiktanne und Kunstschnee gefeiert wird. Es wird allgemein so getan, als sei Jesus im alpinen Raum winters zur Welt gekommen.

      • Wolfram schreibt:

        Mein Außenthermometer zeigt akut 21,2°C (allerdings unter Sonnenbestrahlung), von Schnee keine Spur, Tannen gibts hier auch nur in der Baumschule – aber auf den Plätzen stehen krüppelige Tannen, Fichten oder sowas, und natürlich auch in der Kirche. 1100km von Straßburg entfernt, wo sowas, übrigens wahrscheinlich zu nichtfranzösischen Zeiten, erfunden wurde…
        Na ja, dafür haben wir hier noch ein bißchen von den Santons, den provençalischen Miniatur-Monumentalkrippen (das klingt paradox, tatsächlich sind die Figuren original nicht größer als in Deutschland auch, eher kleiner (15 bis 20cm), dafür aber unheimlich zahlreich und die Szenerie umgreift ein ganzes mediterranes Dorf mit allen Leuten, die dort leben und eben zur Krippe streben. Ohne Schnee übrigens, der fehlt am Mittelmeer ja doch öfter. So ein bißchen was vom (ich glaube ursprünglich schlesischen) „wärst du doch bei uns geboren“ schwingt da mit.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Das Kaschubische Weihnachtslied ist von Werner Bergengruen (und ja, es passt).
        Eine Krippe wie die von Dir beschriebene hat übrigens der Berliner Künstler Joachim Dunkel geschaffen. Sie wird jedes Jahr anderswo ausgestellt, heuer in Göttingen.

      • Wolfram schreibt:

        Schau mal, ein besonders hübsches Exemplar!
        Stimmt, kaschubisch, das ist nicht schlesisch sondern slawisch-pommersch…

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Danke, das ist sehr hübsch!

  2. isa schreibt:

    Von diesem Lied kannte ich nur eine Strophe, die erste. Dass es so viele sind erstaunt mich jetzt. Und sonst: Da hat sich die Wirtschaft wohl schon viel länger als ich dachte das Fest zum Ausschlachten unter den Nagel gerissen. Was ich heuer am meisten vermisse ist eine selbstverständlichere Offenheit und uninszenierte mitmenschliche Begegnungen am heiligen Abend und an den Weihnachtstagen. Statt dessen findet ein „Hinter verschlossenen Türen präsentieren und konsumieren“ statt. Geschützte Privatsphäre die nicht gestört werden will.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Stimmt, Isa. Und damit geht noch mehr der eigentlichen Weihnacht flöten – die ja mit Gemeinschaft in hohem Maße zu tun hat, nicht mit biedermeierlichem Rückzug in die gute Stube.

  3. Zyriacus schreibt:

    Zu leicht vergisst man, dass es auch eine etwas dunklere Seite unserer Wohlstandsgesellschaft gibt. Erich Kästner hat vor vielen Jahren daran erinnert:
    Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
    Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
    Mutter schenkte euch das Leben.
    Das genügt, wenn man’s bedenkt.
    Einmal kommt auch eure Zeit.
    Morgen ist’s noch nicht soweit.

    Doch ihr dürft nicht traurig werden.
    Reiche haben Armut gern.
    Gänsebraten macht Beschwerden.
    Puppen sind nicht mehr modern.
    Morgen kommt der Weihnachtsmann.
    Allerdings nur nebenan….
    Frohe Weihnachten!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen auf diesen Seiten, Zyriacus!
      Das Gedicht von Kästner kenne ich. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist noch nicht wieder so groß, und die Armut noch nicht wieder so drückend wie zur Entstehungszeit – aber das ändert nichts an der Richtigkeit dieses Textes.

Kommentare sind geschlossen.