Du hast gesuchet, zu ergründen

Vor 266 Jahren starb Barthold Heinrich Brockes. Er war aus begütertem Hause und blieb sein Leben lang wohlhabend; so konnte er sich ganz der Dichtung widmen und tat das nicht nur schreibend, sondern auch als Mitglied der Teutschübenden Poetischen Gesellschaft, einem Verein zur Sprachpflege nach dem Vorbild der Académie Française.
In seinem Hauptwerk, dem Gedichtband Irdisches Vergnügen in Gott, schildert er anschaulich die umgebende Natur. Seine staunende Freude über die Schöpfung ist immer auch religiöse Betrachtung. Mit offenen Augen und liebevollem Blick ging er durch die Welt – und zugleich mit dem tiefen Bewußtsein, daß diese Welt noch lange nicht alles ist.

Was ein Mensch mit offenen Augen, wachem Verstand und besten Bildungschancen wissen kann, erklärt er in einem dichterischen Dialog, bei dem offenbar Descartes Pate stand.

Das Menschliche Wissen

A.
Du bist bemühet, auszufinden
Der Creatur verborg’ne Spur;
Du hast gesuchet, zu ergründen
Die Wissenschaften der Natur;
So sage mir nun einst die Wahrheit,
Doch ohne Dunckelheit, mit Klarheit;
Was ist denn eigentlich das Licht?

B.
Das weis ich nicht.

A.
Was ist das Wasser? was ist Erde?
Erzähle mir, wie beydes werde,
Und wie ein jedes zugericht’t!

B.
Das weis ich nicht.

A.
Was ist das Feur? was sind die Lüfte?
Was ist das Trockne? was sind Düfte?
Was ist ihr Zweck? was ihre Pflicht?

B.
Das weis ich nicht.

A.
Was ist doch eigentlich von innen
Die wunderbare Kraft der Sinnen?
Was das Gehör? was das Gesicht?

B.
Das weis ich nicht.

A.
Wie kömmts, daß Speisen, die wir schmecken,
Uns so verschied’ne Lust erwecken?
Gib davon deutlichen Bericht!

B.
Das weis ich nicht.

A.
Wie kömmt es, daß man fühlt und spühret?
Wie wird des Menschen Leib formiret?
Mein, sage mir, wie das geschicht?

B.
Das weis ich nicht.

A.
Wie kömmts, daß etwas lieblich klinget;
Die Nachtigall so lieblich singet;
Ein Papagoy und Rabe spricht?

B.
Das weis ich nicht.

A.
Wie kann, wie wir erstaunet schauen,
Ein Vogel solch ein Nestchen bauen,
Das er ohn‘ Hand so künstlich flicht?

B.
Das weis ich nicht.

A.
Wie können denn der Menschen Seelen
Mit ihrem Cörper sich vermählen?
Gib mir doch davon Unterricht!

B.
Das weis ich nicht.

A.
So wirst du mir doch Nachricht geben:
Wie kömmt es, daß der Todt das Leben
Oft so gar plötzlich unterbricht?

B.
Das weis ich nicht.

A.
Kannst du auf alle meine Fragen
Mir denn gar nichts zur Antwort sagen;
So zeige mir nun selber an:
Was weist du dann?

B.
Ich weis: Ich bin. Warum? ich dencke.
Ich weis, daß Gott die Erde lencke,
Die Himmel, und auch die Natur.
Dieß weis ich nur!

Ich weis, daß Gott, der Schöpfer, lebe,
Und uns so viele Güter gebe,
Daß man dafür Ihm dancken soll.
Das weis ich wohl.

Daß unser Schöpfer alles wisse,
Und daß man Ihn bewundern müsse;
Daß Er so liebreich, als Er groß:
Dieß weis ich bloß!

ER will sich hier von uns nicht fassen,
Und nur allein bewundern lassen.
Dahin nur gehet unsre Pflicht;
Und weiter nicht!

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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