Schützenswert

Ich halte jedes Menschenleben für schützenswert.

Ich halte es für falsch, Schwangerschaften abzubrechen und damit einen Menschen im frühen Entwicklungsstadium zu vernichten und einen Menschen in späterem Entwicklungsstadium zu verletzen (denn selbstverständlich ist jede Abtreibung auch eine Verletzung der Schwangeren, in jedem Fall physisch, in zahlreichen Fällen auch psychisch).
Daß es Fälle gibt, in denen zur Lebensrettung der Mutter der Tod des Kindes in Kauf genommen werden muß, steht dem nicht entgegen. Selbstverständlich wird man vor der Wahl, entweder die Mutter sterben zu lassen und das Kind in ihr damit auch, oder die Mutter zu retten und den Tod des Kindes in Kauf zu nehmen, letzteres wählen. Das macht aber nicht die Abtreibung zu einer guten Sache.

Ich bin gegen Tötung auf Verlangen, auch wenn es viele Fälle gibt, in denen ich den Todeswunsch gut verstehen kann. Sobald der assistierte Suizid gesellschaftlich anerkannt wird, entsteht ein Rechtfertigungsdruck lebenswilliger Schwerkranker und Behinderter sowie die Gefahr der Verschleierung von Mord an Schwerkranken und Behinderten als Tötung auf Verlangen. Zudem halte ich es zugleich für anmaßend und würdelos, seinen Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen; die Menschenwürde hängt meiner Ansicht nach auch mit der Billigung und dem Ertragen des eigenen Lebens zusammen.

Zugleich mit dem vermehrten Ruf nach legalisierter Beseitigung unbequemer Menschen in einem sehr frühen oder sehr späten Entwicklungsstadium hört man immer lauter den Ruf nach Todesstrafe, ungeachtet aller Argumente gegen diese Barbarei. Auch wenn diese Forderung oft aus einer anderen Richtung kommt als die nach Legalisierung von Abtreibung und assistierter Selbsttötung bzw. Euthanasie, kommt sie aus dem gleichen Geist der Feindschaft gegenüber allem, was nicht nett, hübsch und leicht ist. Ich bin gegen Tötung von Menschen auch dann, wenn sie schwerste Schuld auf sich geladen haben. Es ist zwar manchmal (etwa bei Geiselnahmen) unumgänglich, einen Menschen, der andere bedroht, zu verletzen, sogar zu töten. Das ist (sofern es wirklich keinen anderen Weg zur Rettung Unschuldiger gibt) ein notwendiges Übel – aber, wie das Wort schon sagt, nicht gut.

Ich halte es weder für zumutbar, getötet zu werden, noch für zumutbar, zu töten. In dem Augenblick, wo Tötung in irgendeinem Stadium des Lebens legalisiert wird, wird das professionelle Töten generiert, und zwar als pflichtgemäße, einklagbare Aufgabe.

Über meine Ablehnung der Tötung von Menschen habe ich auf diesen Seiten schon öfter geschrieben. Ich glaube, dabei alle mir einleuchtenden Argumente gebracht zu haben. Das sind nicht besonders viele. Nur geht es bei der Verteidigung irgendeiner Sache nicht um eine Vielzahl von Argumenten, sondern um die Qualität der Argumente. Schließlich gibt es auch sehr wenige Argumente, regelmäßig zu essen (Hungergefühl, Esslust, sozialer Zusammenhalt, Lebenserhaltung – das ist schon alles). Trotzdem wird niemand, wahrscheinlich nicht einmal Peter Singer, ernsthaft behaupten, es gebe nicht genug Argumente fürs Essen, mithin sei Essen aus philosophischer Sicht unnötig.

Leben ist kein Ponyhof. Krankheit und Sterben gehört dazu. Leid vermeiden oder lindern ist grundsätzlich gut. Aber Leidende vermeiden und verhindern ist eine andere Sache, der ich mich nicht anschließen will.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Antworten zu Schützenswert

  1. Josef Gottschlich schreibt:

    Das Ertragen des eigenen Lebens darf meines Erachtens aber nicht zu einer allzu einseitig ausgeprägten Dulder-Mentalität führen, vor allem nicht gegenüber anderen Menschen. Gerade in diesem Punkt ist auch die Religionskritik sehr ernstzunehmen. Das Maß der Leiden steht sicher letztlich bei Gott, was wohl auch mit seinem Anrecht zu tun hat, uns wie Weizen zu sieben (vgl. Lukas 21,32). Dies ist jedoch mit dem Grundrecht auf eigenständiges Denken und gewaltfreien Widerstand sowie dem Anspruch auf eine verbesserte Schmerztherapie durchaus vereinbar.

  2. Sathiya schreibt:

    Ein guter Artikel.
    Es ist genau so: Wurzel des Übels ist Feindschaft gegenüber allem, was nicht nett, hübsch und leicht ist. Es ist bestürzend.

    Mich würde Ihre Meinung über Peter Singer und seine Philosophie interessieren, wäre es Ihnen möglicherweise einen Beitrag wert? In jedem Fall – danke für den Denkanstoß.
    Viele Grüße, Sathiya

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