Wenn Journalisten lügen, indem sie die Wahrheit sagen

John Patrick Shanley von der New York Times findet Benedikt XVI. doof, aber so richtig. Auch wenn ich dem Journalisten hierin nicht zustimme, ist das sein gutes Recht, und er darf es äußern.
Daß er allerdings gleich im ersten Absatz ohne weitere Erläuterung schreibt:

He’d been a member of the Hitler Youth.

– das ist der Beweis, daß man mit einer formal wahren Aussage üble Nachrede verbreiten kann.

Joseph Ratzinger war elf Jahre alt, als 1939 die Jugenddienstpflicht für alle „arischen“ Jungen zwischen 10 und 18 Jahren eingeführt wurde. Die Mitgliedschaft in der HJ konnte gegen den Willen der Eltern polizeilich durchgesetzt werden. Das heißt, daß Eltern, die ihre Söhne von der HJ bewahren wollten, dadurch nur riskierten, daß die Kinder härter behandelt wurden, daß sie ihnen möglicherweise gar weggenommen wurden.

Jeder Mensch, dessen Bildung für ein Praktikum in der ländlichen Lokalpresse genügt, kann das herausfinden. Herr Shanley von der New York Times konnte es nicht.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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9 Antworten zu Wenn Journalisten lügen, indem sie die Wahrheit sagen

  1. Norbert schreibt:

    Die Sätze unmittelbar davor und danach sind auch gelogen. Und zwar ohne dass sie die Wahrheit sagen.

  2. stefanolix schreibt:

    Tatsache ist, dass dem Papst und auch vorher dem Kardinal Ratzinger von Böswilligen viel Böses nachgesagt wurde. Tatsache ist auch, dass sich im Netz viele Personen in Unflätigkeit gegenseitig überbieten. Das ist übel.

    Was die Möglichkeit des Fernbleibens von der »HJ« betrifft, bin ich allerdings nicht ganz so sicher. Ich glaube mich zu erinnern, dass der Hitler-Biograph Joachim Fest in seinen Erinnerungen an die Kindheit (»Ich nicht«) geschrieben hat, dass er sich in Berlin von der »HJ« ferngehalten habe (und vermutlich auch seine Geschwister). Fests Eltern waren überzeugte Katholiken; sein Vater stand der Zentrumspartei nahe und hatte seit der Machtergreifung Berufsverbot. Ich habe das Buch gerade jemandem geliehen, werde aber so bald wie möglich nachschlagen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das ist interessant!
      Es wird auch da Möglichkeiten gegeben haben, vermutlich auch regional unterschiedlich – aber es war eben auch ein hohes Risiko.

      • stefanolix schreibt:

        Ich kann das Buch übrigens sehr empfehlen, es wäre meiner Meinung nach wirklich etwas für Dich! Mein Exemplar habe ich günstig via ZVAB ergattert, es ist von der »Büchergilde Gutenberg« und war sogar noch eingeschweißt.

  3. ichwesen schreibt:

    Es jemanden nachzutragen, dass er im Alter von elf Jahren in der Hitlerjugend war, ist in der tat böswillig, selbst dann, wenn dieser Elfjährige es unbedingt wollte, was bei Josef Ratzinger sicher nicht der Fall war. Guter Beitrag, aber ärger Dich nicht zu sehr, solche „Journalisten“ wird es immer geben.

  4. E.T.. schreibt:

    In der ländlichen Nachbargemeinde meiner Kindheit zB gab es eine schlichte, einfache Bäuerin, die einer einzigen, kurzen kritischen Äußerung zum damaligen Regime wegen ins KZ mußte. Auch der damalige Pfarrer wurde denunziert und ins KZ eingeliefert.
    Was die Möglichkeiten der Verweigerung betrifft, sollten die Nachgeborenen, die sich diesen Irrsinn überhaupt nicht mehr vorstellen und ihn nachvollziehen können, tunlichst zurückhalten! Daß der junge J.Ratzinger die Mitgliedschaft nicht „wollte“, ist in seiner Lebensbeschreibung nachzulesen. Übrigens ging sein Vater als Gendarm in Pension, weil er einem solchen Regime nicht dienen wollte.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Vor allem kann man ja über keine andere Zeit so zahlreiche sachliche Informationen sekundenschnell im Netz finden wie über die Nazizeit. Es ist einfach eine für mich nicht begreifbare Schlamperei aller Beteiligten, wenn ein Schriftsteller in einer Zeitung solchen Quatsch veröffentlicht.

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