Die Sache mit dem Zölibat

Auf Sex verzichten – und zwar um Gottes Willen, für immer, und obwohl man durchaus könnte und vielleicht gar gelegentlich wollte – ist skandalös in einer Welt, in der nackte Haut das oberste aller Verkaufsargumente ist und das möglichst ungenierte Ausleben der Sexualität einen höheren Stellenwert hat als das Ausleben intellektueller Fähigkeiten. Es ist nach öffentlicher Meinung menschenfeindlich, uncool und mittelalterlich, außerdem eh nicht zu schaffen. Abgesehen davon führt zölibatäres Leben – immer noch nach allgemeiner Meinung – umwegslos in die Zwangsneurose und Pädophilie, die wiederum bei ungeniertem Triebleben ganz gewiß nicht stattfinden kann oder doch nur sehr, sehr selten.

Nun ist eine Meinung davon, daß sie öffentlich ist, noch nicht notwendig wahr. Es lohnt also, zu überprüfen, welche Vorwürfe gegen das Konzept des Zölibats stimmen.

In der Tat ist „Hier lebt man zölibatär“ kein Slogan, der einer Gemeinschaft regen Zulauf oder einem Artikel reißenden Absatz verschafft. Werbung für Autos, Schokoriegel, Fernsehserien oder Turnschuhe mit realistischen Bildern von Ordensleuten bei der Arbeit im Krankenhaus oder am Schreibtisch hätte kaum Erfolg. Bedeutende Wirtschaftsfaktoren wie Kinderspielzeug, Mode und Computerspiele spielen in Klöstern eine eher untergeordnete Rolle. Auch wenn Ordensleute selbstverständlich Geld und Waren verbrauchen – als Betreiber von Kliniken und Bildungseinrichtungen nicht einmal wenig – sind sie insgesamt für die Welt des Konsums eher uninteressant. Zölibat ist also definitiv wirtschaftsfeindlich, wenn man als wichtigste Aufgabe der Wirtschaft die Sorge für ihr ungebremstes Wachstum sieht. Und wenn man „Wirtschaft“ und „Mensch“ gleichsetzt, ist Zölibat damit auch menschenfeindlich – aber das wäre schon ein sehr kühnes Wenn. Ich halte die freie Entscheidung zum Verzicht grundsätzlich für ein Proprium der Menschenwürde. Zudem sehe ich die Entscheidung zum Zölibat auch als Solidaritätsbekundung gegenüber den Ungeliebten, Einsamen.

Auf den Vorwurf „mittelalterlich“ möchte ich nicht weiter eingehen und empfehle allen, die ihn erheben, die genaue Beschäftigung mit Geisteswissenschaften, bildender Kunst und Musik zwischen ausgehender Antike und Renaissance. Wer danach noch über „das Mittelalter“ lästern kann, ist eh kein Gesprächspartner für mich.

Sieht man den Versuch zölibatären Lebens als Hauptgrund für Pädophilie, so muß man logischerweise davon ausgehen, daß letztere bei nicht zölibatär lebenden Menschen erheblich seltener vorkommt. Nachweislich ist es genau umgekehrt.

Was bleibt, ist der Vorwurf, Zölibat sei uncool.

Und das ist erst Recht Unfug. Zölibat ist in hohem Maße unangepasst. Er ist die klare Absage an das comme il faut fast jeder Weltanschauung, die katholische Kirche nicht ausgenommen (Eltern, die über den Wunsch ihrer Kinder nach zölibatärem Leben höchlich entzückt sind, dürften auch unter Katholiken die Ausnahme sein). Zölibat ist ein Gegenwicht zum modernen Normalmaß oversexed and underfed. Zölibat ist cool.

Aus Erfahrung weiß ich, daß man an freiwillig zölibatärem Leben – auch wenn man das Leben, wie ich, ursprünglich anders gewünscht und geplant hatte und keiner Ordensgemeinschaft angehört, sondern ganz einfach allein lebt – keinesfalls zugrunde geht und auch andere nicht damit zugrunde richtet.

Ich bin nicht überzeugt, daß das Priestertum nur zölibatär möglich ist. Es gibt ja in der katholischen Kirche auch Priester, die vorher einer anderen Konfession angehörten und Frau und Kinder haben. Wenn nun ein Familienvater offensichtlich zum katholischen Priester geweiht werden kann, leuchtet mir nicht ein, warum nicht auch ein katholischer Priester Familienvater werden soll mit dem Segen der Kirche. Sehr wohl würde mir einleuchten, wäre der Zölibat für Priester optional (und für Ordenspriester natürlich weiterhin bindend, weil Orden sich über den Zölibat definieren).

Daß allerdings Menschen, die frei gewählt haben, zölibatär zu leben, später merken, daß sie das doch nicht können und wollen, wird immer wieder vorkommen. In diesem Fall tut die Kirche gut daran, unaufgeregt und liebevoll zu bleiben und zu klären, wie man weiter vorgehen kann. Leicht wird das in keinem Fall, denn die Kirche darf weder unbarmherzig noch beliebig sein, ist ständig auf einer Gratwanderung zwischen Härte und Laissez-Faire. Vielleicht ist in solchen Fällen hilfreich, eher Einzelfallentscheidungen zu treffen als allgemeingültige Regeln aufzustellen.

edit 9.12.2018: Über die letzten beiden Absätze denke ich heute, nach langem Überlegen, anders. Der Zölibat ist eine dem Priestertum angemessene Tradition, und auch wenn es richtig ist, konvertierten verheirateten Pastoren, die Priester werden wollen, einen Dispens zu gewähren, halte ich ein generelles Abrücken vom priesterlichen Zölibat heute für falsch.

Daß aber der Zölibat grundsätzlich ein Schatz ist, den die Kirche nicht verschleudern soll, steht für mich außer Zweifel. Schon wegen der revoluzzerhaften Unangepasstheit.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Die Sache mit dem Zölibat

  1. isa schreibt:

    vielleicht ist das jetzt unpassend, aber mich beschäftigt auch, dass es auf der einen Seite heißt: Seid fruchtbar und mehrt euch – ohne Kondome und Pille – Und dann beschließen eben die welche diese Forderung aufrecht erhalten, für sich das Zölibat. Insofern benutzen Klosterbrüder und -schwestern KonDOM. Das nenne ich nicht gerade vorbildlich, eher sich um Verantwortung drückend.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Zwischen „keinen Sex haben und infolgedessen auch keine Kinder“ und „Sex haben, ohne Kinder in die Welt zu setzen“ ist aber schon ein Unterschied.
      Zudem finde ich nicht, daß Leute sich vor Verantwortung drücken, indem sie Verzicht üben und sich sehr wesentlich auf karitative und kulturelle Arbeit konzentrieren.

      • isa schreibt:

        Ich meinte jene Verantwortung, die wir als Menschen haben, auf diesem Planeten weiteren Menschen das Erdenleben zu ermöglichen, damit sie sich hier entfalten und entwickeln können. Auch Menschen mit Kindern konzentrieren sich sehr wesentlich auf karitative und kulturelle Arbeit. Und schließendlich steht spirituelle Entwicklung allen Menschen offen. Das Zölibat, behaupte ich einfach mal, bringt dabei keinen wesentlichen Vorteil.

  2. Chrysostomus schreibt:

    Zölibat kann eine Berufung sein und einen hohen spirituellen Sinn haben. Die Tradition der alten Kirche kennt das eremitesche zölibatäre Leben wie das zölibatäre Leben in Gemeinschaft und nannte solche Menschen „monachoi“ – Mönche. Diese Mönche waren früher eher weniger Priester. Daß in einer Mönchsgemeinschaft praktisch alle geweiht sind, war nicht üblich.
    Ich halte die zwangsweise Verknüpfung von Zölibat und Priestertum nicht für glücklich. Es kann durchaus einer zum Priestertum berufen sein, nicht aber zum Zölibat. Nicht wenige Priester nehmen den Zölibat „in Kauf“ weil ihnen eben das Priestertum so wichtig ist. Zuweilen wird das dann ein sehr halbherziger Zölibat. Ohne die Zölibatspflicht hätten wir weniger Zölibatäre, klar – aber die spezielle Qualität des nun wirklich nur aus Berufung erfolgenden Zölibats wäre deutlicher. Und zudem wäre das Profil der Mönche schärfer gezeichnet. Heute nehmen die Menschen den Unterschied zwischen (Priester-)Mönchen und Pfarrern nicht so wirklich wahr. Vernutlich würde die Aufhebung des Zölibates beiden Ämtern -Priester und Mönch- mehr Profil geben.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Wir hätten weniger Zölibatäre – und vielleicht zugleich mehr Priester. Und jedenfalls keine oder fast keine halbherzigen Zölibatäre.

      • Wolfram schreibt:

        Und zumindest in dieser Hinsicht wesentlich weniger Scheinheilige…
        in allen anderen Hinsichten menschelt es in der Kirche Jesu Christi ohnehin, davon ist keine Kongregation ausgeschlossen. Aber solche Ansprüche aus Menschenhand machen es nicht besser, sondern schlimmer.
        Und der Priesterzölibat stammt aus dem Mittelalter, wurde im IV. Laterankonzil festgeschrieben, vorher nicht! Für Bischöfe ist der Zölibat als Pflicht schon etwas älter, erklärt sich da aber mehr aus der politischen Rolle der Bischöfe; und man wollte auf jeden Fall vermeiden, daß jemand sich als Erbe eines Bistums vorstellen könnte. Dem Vernehmen nach wurde das aber zumindest im Renaissance-Italien auch nicht wirksam verhindert…

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