Ein Schilderer der Endzeit

Von den vielen Dichtertheologen des Mittelalters werden einige besonders herausragende bis heute gelesen. Andere sind längst vergessen, ihr Werk gilt heute bestenfalls als Kuriosum der Literaturgeschichte.
Petrus Manducator (um 1120-1173) lebte in der aufstrebenden Stadt Köln. Zur Unterscheidung von seinem berühmten Zeitgenossen aus Troyes, dem Theologen Petrus Comestor, nannte er sich auch Petrus non Trecensis. Über seine Herkunft und Ausbildung wissen wir nichts; anzunehmen ist aufgrund seiner Lateinkenntnisse, daß er in einem Kloster unterrichtet wurde.
Der Glaube an ein nahes Weltende war zu seiner Zeit verbreitet und führte zahlreiche Menschen in mehr oder weniger sektiererische Gemeinschaften. Auch Petrus Manducator war, wie aus seinem an der Offenbarung des Johannes orientierten Werk de fine seculorum hervorgeht, vom nahen Ende der Weltzeit überzeugt, allerdings zog er eine sehr rationale Konsequenz.

Ist nun das Ende nah und kommt das Lamm, in Feuerflammen gekleidet, wieder, um Gerechten und Ungerechten ihren Lohn zu geben, so müssen wir nicht unser äußeres Leben ändern, wenn unser Tun und Lassen nur redlich ist bei aller Sündhaftigkeit unseres Daseins. Vielmehr kommt es darauf an, sich zu mühen, alles, was wir gewöhnlich tun, mit noch größerer Sorgfalt und Liebe zu tun als bisher. Denn das Feuer des Lammes wird alles Lässige und Lieblose verzehren, alles Treffliche und Liebevolle aber recht läutern.

Petr.Mand. III,8

De fine seculorum beschreibt zwar auch Endzeitkatastrophen, wie in apokalyptischer Literatur üblich. Jedoch ist das Hauptthema die immer wieder empfohlene Liebe und Redlichkeit im Handeln, durch die, so verspricht der Autor, „wir endlich den Weg zu Jesus Christus finden“ – eine geradezu neuzeitlich wirkende Einstellung.
Besonders interessant ist der politische Bezug. Das Werk entstand während Barbarossas Italienfeldzug, an dem auch Rainald von Dassel teilnahm. Man nimmt heute an, daß der folgende Absatz sich auf Rainald und den von ihm und Barbarossa unterstützten Gegenpapst bezieht:

Das Lamm strahlt weißer als Schnee, lichter als die Sonne, und seine Rede ist wie Honig. Doch im Gefolge des kriegerischen Fürsten stützt ein Blutpriester den anderen, hilft ihm zu höchsten Ehren und vertreibt den wahren Priester des Lammes. Dann wird das Lamm wie Feuer erglühen und Flammen speien gegen den Feind, und ihn wird das Feuer des Lammes verzehren.

Petr.Mand. I,14

Möglicherweise ist der letzte Satz ein Hinweis darauf, daß der Text nach 1167 entstand, da Rainald von Dassel 1167 an einer Seuche starb. Seuchen wurden im Mittelalter zuweilen mit einem strafenden Feuer verglichen.

Auch wenn Manducators Werk nach Ansicht von Philologen nicht die Krone der Latinität darstellt, ist seine bildhafte Sprache vom Erlösungsgeschehen der letzten Tage sehr lesenswert; ich hoffe auf eine zweisprachige Edition.

Leider wurde das im Kölner Stadtarchiv befindliche Original stark beschädigt, konnte aber vor kurzem wieder vollständig lesbar gemacht werden. Mein besonderer Dank gilt allen, die dazu mit Geld, Zeit, Kenntnis und Geschick beigetragen haben.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Ein Schilderer der Endzeit

  1. Michael Künnemann schreibt:

    „die Liebe … durch die … wir endlich zu Christus finden“? Findet nicht allein der zu Christus, der ihn sucht? Und sucht ihn nicht allein der, den der Vater zieht? Und zieht und ruft Dieser nicht alle, die Er vor Grundlegung der Welt aus Gnaden vorherbestimmt hat (Epheser 1)? Ist es nicht allein Gottes Gnade, dass wir zu Christus finden? Und ist es nicht allein das Werk des Geistes Gottes in uns, wenn wir unseren Nächsten endlich lieben lernen, wie wir uns schon längst selbst lieben? Sind hier nicht Ursache und Wirkung vertauscht?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Warum fragst Du mich das?
      Ich zitiere. Abgesehen davon stimme ich Dir nicht ganz zu. Wer nicht bereit ist zu lieben, wird Christus nicht finden.

      • Wolfram schreibt:

        Aber auch das ist schon Gnade, Wirkung des Heiligen Geistes…

        gesegnetes Fest!

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Sicher. Lieben können ist Geschenk – aber ob man diese Fähigkeit dann auch einsetzt, ist freie Entscheidung. Glaub ich wenigstens.
        Und wünsche auch Dir eine gesegnete Zeit!

      • Wolfram schreibt:

        Da stellt sich die Frage nach der Freiheit des Willens – können wir noch nicht lieben, wenn Gott uns die Liebe, also sich selbst, geschenkt hat? Als persönliches Geschenk?

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Es schaffen es zumindest immer wieder Leute, nicht oder nur sehr wenig und eigensüchtig zu lieben – obwohl Gott ja alle grundsätzlich mit dieser Fähigkeit beschenkt hat.
        Aber wie weit die Willensfreiheit tatsächlich bei jedem einzelnen geht, ist wohl immer wieder eine große Frage.

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