Ketzerei setzt Nähe voraus

So heißt es bei dem Musiker, Historiker und Blogger Thomas Baumann in dem höchst amüsanten und zugleich kenntnis- und lehrreichen Buch Moderne Irrtümer und ihre Herkunft. Von Donatisten, Ikonoklasten und anderen Ketzern.
Und diese (stief-)geschwisterliche Nähe, nicht zu Anders-, Irr- und Ungläubigen, sondern zu Fastbeinah-aber-nichtganzgenausogläubigen, die sich selbst immer als Einzigwahregläubige bezeichnen, erläutert Baumann erfrischend unterhaltsam und immer wieder mit Bezug auf unsere schrecklich aufgeklärte Gegenwart. So schreibt er gegen Ende des Artikels zum dualen Weltbild der Manichäer:

Gehen Sie mit mir, nein, nicht in einen Esoterikerzirkel, gehen Sie mit mir einfach auf einen beliebigen Mittelaltermarkt oder auch nur in die einschlägigen Abteilungen eines gewöhnlichen Kaufhauses, und wenn Sie dann da indianische Traumfänger sehen, die versprechen, Ihre Träume von Unreinem zu reinigen, wenn Sie Heilsteine sehen und vielleicht sogar erfahren, daß Rosenquarz gegen Fußschweiß hilft, dann lächeln Sie ruhig weiterhin über die alten Manichäer, aber bitte seien Sie fair und lachen Sie schallend über unsere Gegenwart.

Der ironische, zuweilen hinreißend parodistische Stil mischt sich hervorragend mit theologischem und geschichtlichem Wissen. Parallelen zwischen früheren Ketzereien und heutigen religionsersetzenden Heilsversprechen sind unübersehbar. Nebenbei erklärt Baumann unaufgeregt und ohne je in Traktätchenstil zu verfallen einige wichtige und selbst unter Kirchgängern nicht sonderlich bekannte Glaubensdinge wie die Unabhängigkeit der Sakramente von der Person des Spenders.

Das Wissen um alte Ketzereien und ihre modernen Parallelen verpackt Baumann immer wieder in einen ironischen Ratgeber für Partygespräche – vielleicht nicht einmal so ironisch, ich werde bei nächster Gelegenheit das ein oder andere Zitat auf einer Party anbringen, mal schauen, was passiert.

Weil die Aussage „Also ich finde weinende Herz-Marien-Statuen kitschig“ Sie sicher nicht in den Olymp der Partyrhetoriker erheben wird, sagen Sie doch einfach bei passender Gelegenheit: „Ich bin Ikonoklast.“

Thomas Baumann: Moderne Irrtümer und ihre Herkunft. Von Donatisten, Ikonoklasten und anderen Ketzern, Sankt Ulrich Verlag, 2011
ISBN 978-3-86744-188-9
€ 16,95

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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