Doch überleuchtet ihn das Licht

Vor 407 Jahren wurde Rembrandt geboren, jener Maler, der mich vor Jahren im Rijksmuseum an hunderten von hochkarätigen Bildern fast verächtlich vorbeilaufen ließ, weil ich angesichts seines Werkes vor Frans Hals und Vermeer nur denken konnte „Ja, auch hübsch“.
Den vor Saul harfespielenden David hat er zweimal gemalt und dabei zwei ganz verschiedene Facetten des gemütskranken Königs gezeigt.

1 Samuel 16,14-23 (Übertragung: Schlachter 1951)

Aber der Geist des HERRN wich von Saul, und ein böser Geist von dem HERRN gesandt schreckte ihn. Da sprachen Sauls Knechte zu ihm: Siehe doch, ein böser Geist von Gott schreckt dich! Unser Herr sage doch deinen Knechten, die vor dir stehen, daß sie einen Mann suchen, der gut auf der Harfe spielen kann, damit, wenn der böse Geist von Gott über dich kommt, er mit seiner Hand spiele, damit dir wohler werde. Da sprach Saul zu seinen Knechten: Seht euch um nach einem Mann, der gut auf Saiten spielen kann, und bringet ihn zu mir! Da antwortete einer der Knaben und sprach: Siehe, ich habe einen Sohn Isais, des Bethlehemiten, gesehen, der das Saitenspiel versteht und auch ein tapferer Mann ist, streitbar, der Rede kundig und schön; und der HERR ist mit ihm. Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende deinen Sohn David, der bei den Schafen ist, zu mir! Da nahm Isai einen Esel mit Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es durch seinen Sohn David an Saul. Also kam David zu Saul und trat vor ihn, und er gewann ihn sehr lieb, und er ward sein Waffenträger. Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Laß doch David vor mir bleiben, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen! Wenn nun der böse Geist von Gott über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; und Saul fand Erleichterung, und es ward ihm wohl, und der böse Geist wich von ihm.

David speelt harp voor Saul
Bild: Wikipedia

In diesem Bild ist David halb vom Betrachter abgewandt; seine Körperhaltung zeigt, daß er ganz auf das Spiel konzentriert ist. Er blickt auf die Harfe, nicht auf den König.
Saul in königlicher Prachtkleidung ist halb in seinen Sessel zurückgelehnt, aber nicht entspannt: Die Rechte hält einen Stab, eine Art Szepter oder überlangen Feldherrenstab, energisch auf den Boden gestemmt, mit der Linken umgreift er die Sessellehne, bereit, sich abzustützen und aufzustehen. Das Gesicht unter dem gewaltigen Turban ist skeptisch und verstört, zusammengezogene Brauen bilden eine tiefe Falte über der Nasenwurzel; er wirft einen zweifelnden Seitenblick auf den jungen Musiker.
Aber hinter diesem geplagten Kopf leuchtet etwas, ein Licht ohne bestimmbare Quelle. Ähnlich unbestimmbar erleuchtet ist auch die Faust um den Stab, und von einem dritten nicht ortbaren Licht erhellt ist Davids spielende Linke.

Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_030[1]
Bild: Wikipedia

Hier ist David dem Betrachter zugewandt. Er ist völlig versunken in sein Spiel; sein Gesicht ist bei aller Konzentration völlig ruhig, er horcht seiner Musik nach. König Saul ist ganz ähnlich gekleidet wie auf dem vorigen Bild, wenn auch in wärmeren Farben, auch der Stab ist der Gleiche. Saul sitzt leicht nach vorn geneigt, ohne Anspannung; der Stab lehnt an der Innenseite seines Oberarmes, die linke Hand liegt locker darauf. Die rechte Gesichtshälfte verschwindet unter dem purpurnen Vorhang, den er von innen greift, um sich die Tränen wegzuwischen – daß ihm Tränen in den Augen stehen, sieht man an der freien Gesichtshälfte. Tieftraurig und wehmütig sieht er aus, und das Gesicht ist eingefallen, aber die Musik hat entspannende Wirkung.
Die Lichtquelle, die sein eigenes und Davids Gesicht und ein wenig auch die Hand auf dem Stab beleuchtet, scheint der prächtige Turban zu sein, der seinen kranken Kopf schmückt.

Welches der beiden Bilder zu dem folgenden Gedicht führte, weiß ich nicht – es paßt, so verschieden sie sind, auf beide.

Karl Ernst Knodt
Rembrandt: Wie David vor Saul die Harfe spielt!

Kennst du das Rembrandtbild vom Saul,
Wie David ihm die Harfe schlägt?
… Noch nie hat mir so wild und mild
Ein Bild den tiefsten Sinn erregt!
Nie sah ich so der Schmerzen Macht
In einem Menschenangesicht.
Der Wahnsinn in dem Auge wacht:
Doch überleuchtet ihn das Licht,
Das aus der Töne Tiefe quillt
Und selbst des Wahnes Weh noch stillt;
Doch übergeistet noch der Gott
Das Tier in ihm und macht’s zu Spott.

Wie eine Mutter alles Weh
Des Kindes singt in tiefste See
Und von dem Krankenbett verweist
Durch frommes Lied den Höllengeist:
So ist Musik auch hier die Kraft,
Die übermenschlich Wunder schafft.
Es weicht der Wahn. Das Weh verweint.
Ein Bote lichter Welt erscheint.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Doch überleuchtet ihn das Licht

  1. Du willst jetzt nicht wirklich sagen, daß Du Rembrandt für einen grö0eren Maler hältst als Frans Hals?
    Hallo, geht es noch?
    Osteuropa!

  2. Bettina Klix schreibt:

    Vielen Dank für diesen schönen Beitrag! Ich habe gerade die Schriften Paul Claudels über die Kunst entdeckt. Darin schreibt er über Rembrandt und nimmt Bezug auf das besondere Licht, von dem Du sprichst: „Um das Licht handelt es sich, das für ihn innerste Kraft ist und zugleich Stütze und Emanation des Gedankens. wie hat er doch das Licht geliebt! Wie hat er doch sein Spiel und seine Absichten begriffen, diese Wände, die sich von allen Seiten am Himmel öffnen und wieder schließen, diese feierliche Neigung des Strahls, der unsere innerste Behausung und unser Gedankeneigentum zu besuchen, zu durcheilen und zu erforschen kommt.“

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Und meistens kommt das Licht bei Rembrandt von „irgendwo“ – von einem Kleidungsstück, einer Hand, einer Wand, nur nicht von etwas offensichtlich Leuchtendem wie Sonne, Feuer oder Lampe.
      Spannend finde ich auch, wie genau Rembrandt die Bibel kannte. Er zeigt immer sehr genau, was sie sagt.

      • Wolfram schreibt:

        Kunststück, als guter Calvinist… 😉

      • Claudia Sperlich schreibt:

        In der Tat! Da sollte sich manch eine katholische Gemeinde wirklich ein Beispiel an den Calvinisten nehmen (meiner Ansicht nach: Genau in diesem einen Punkt der guten Bibelkenntnis).

      • Wolfram schreibt:

        So traurig das ist: hier in Frankreich haben wir bei den ökumenischen, d.h. von beiden Kirchen gemeinsam angebotenen und in beiden Kirchen gemeinsam angesagten, Bibelstunden mittlerweile oft mehr Katholiken als Evangelische. Das calvinistische Erbe der manchmal schon peniblen Bibelkenntnis ist den Erben verlorengegangen. 😦 Bewahrt haben es die Freikirchen, die aus dem Calvinismus hervorgegangen sind, und mutatis mutandis auch die Jehova-Zeugen.
        Die katholischen Christen dagegen sind richtig hungrig nach der Bibel.

  3. Bettina Klix schreibt:

    Hatte das schon mal kommentiert, aber es verschwand: Eine interessante Beleuchtung der biblischen Themen von der Seite des Judentums her wird in der 1924 vorgelegten Doktorarbeit der jungen Kunsthistorikerin und späteren Dichterin Anna Seghers geleistet, noch unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlicht. Da werden auch diese beiden Bilder untersucht.
    Netty Reiling (Anna Seghers), Jude und Judentum im Werke Rembrandts, Reclam, 60 Seiten,

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