Die Wahl naht

… und ich entferne mich.
Seit ich wählen darf, habe ich nicht eine Wahl ausgelassen. Meist habe ich mit Überzeugung gewählt, die letzten drei Male mit Unbehagen, und immer mit der Überzeugung, Wahlverweigerung ist im Grunde undemokratisch.

Heuer werde ich wahrscheinlich nicht wählen. Es gibt keine Partei, der ich meine Stimme guten Gewissens geben kann. (Das bedeutet nicht, daß ich Wähler gewissenlos finde – ich spreche von meinem Gewissen, nicht von dem anderer honetter Menschen.)

Immer noch halte ich Demokratie für die am wenigsten üble Staatsform, auch wenn ich mir eine menschenfreundliche Form der Monarchie vorstellen kann – wenn da nur nicht die Erbfolge wäre und die Tatsache, daß kluge und gerechte Menschen nicht automatisch kluge und gerechte Kinder haben.

Ich beteilige mich nicht an dem derzeitigen wütenden Hass gegen die Grünen. Zornig und enttäuscht bin ich durch die widerwärtigen Schmutzereien, die aus ihren Reihen bekannt geworden sind – aber ich weiß auch, daß man davon nicht auf alle, die jemals bei den Grünen waren (also auch mich) schließen kann. Ich bin froh über vieles, was sie erreicht haben (auch wenn sich heute einige andere Parteien, die früher gegen Ideen zum Umweltschutz und zur Behindertenhilfe nachweislich gewettert haben, diese Ideen auf die eigenen Fahnen schreiben). Was aber jetzt aus den Grünen geworden ist – ein zunehmend sektiererischer Haufen Spinner, die ihre frühere Streitkultur durch diktatorisches Gebaren ersetzt haben und deren beste Köpfe durch Gewöhnung an die Macht verdreht wurden – kann ich nicht mehr ernst nehmen.

Die SPD hat ihre alten Ideale der sozialen Gerechtigkeit und Bildung für alle in diktatorische Gleichmacherei und Bildungsarmut für alle verkehrt.

Die FDP, dieser Klüngel der erfolgreichen Managertypen, steht mir ferner denn je.

Der CDU habe ich nie nahegestanden, nicht zuletzt, weil mir aus Berlin zahlreiche nachgewiesene Fälle von Lüge und Korruption aus ihren Reihen bekannt sind. Allerdings scheint sie mir heute immerhin als die Partei mit der größten Zuverlässigkeit und höchsten Bildung von allen in der deutschen Parteienlandschaft – wenn auch „unter Schlechten der Beste“ noch nicht viel sagt.

Ich kenne redliche und vernünftige Mitglieder von Grünen, CDU und SPD, und ich glaube, daß keine dieser drei allein durch ihr Parteiprogramm oder ihr Gründungsprotokoll schlecht ist. Aber seit Jahren beobachte ich eine stetige Verschlechterung der Umsetzung von Grundideen der Grünen und der SPD; es wird zu Mitteln gegriffen, die bestenfalls lächerlich, oft aber schädlich sind. Einige ihrer prominenten Mitglieder finde ich sehr dumm (und werde hier aus Gründen von Recht und Anstand nicht äußern, welche).

Für die CDU ist in meinen Augen immer noch typisch eine schon einige Jahrzehnte alte Geschichte. Damals setzte eine Bürgerinitiative in Zehlendorf gegen den wütenden Protest der CDU die Absenkung von Bürgersteigen durch. Als das zur Freude aller Rollstuhlfahrer und ihrer Begleiter ausgeführt war, machte die CDU bereits in der nächsten Legislaturperiode Reklame damit, daß Dank ihr die Bürgersteige an Zehlendorfer Fußgängerüberwegen behindertenfreundlich seien. Wo immer in Berlin bis heute ein Bürgersteig abgesenkt wird, posaunt die CDU aus, daß man das ihr allein zu verdanken hat. (Und ja, das schmiere ich der CDU so lange aufs Brot, bis sie über sich selbst lachend zugibt, im Laufe der Jahrzehnte mehrere kapitale Böcke geschossen zu haben.)

Parteiübergreifend sind Überlegungen zur Kitapflicht und die Verflachung des Bildungssystems – und ich habe keine zurückhaltend-anständigen Worte dafür.

Von den übrigen Parteien kommt mir keine wählbar vor. Eine Spaß- und Klamaukpartei zu wählen, habe ich kurz erwogen, aber verworfen – weil ich das einer Demokratie unwürdig finde.

Ich freue mich auf den 22. September – den Herbstanfang, vielleicht noch sommerlich warm und vielleicht schon wild stürmisch, auf jeden Fall ein Sonntag mit Hochamt, und ich werde versuchen, es einen besonders guten, schönen und frohen Tag sein zu lassen. Dazu könnte diesmal helfen, nicht zu wählen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Die Wahl naht

  1. Moin schreibt:

    Hallo,

    Ihre Bedenken kann ich gut verstehen; mir ging es lange Zeit auch so.
    Ich habe für mich entschieden, der „Ökologisch-Demokratischen-Partei“ (oedp) beizutreten, weil ich das Programm gut finde (besonders im Bereich Familie und Energie/Lebensstil). Außerdem bin ich der Meinung, dass Meckern alleine nicht hilft. Durch die Mitgliedschaft und die Werbung im Bekannten-/Freundeskreis kann ich vielleicht erreichen, dass sich Menschen ein paar Gedanken mehr zu Alternativen machen. Auch wenn die Partei wohl keine Chancen hat, in den Bundestag zu kommen, wähle ich sie, weil ich nicht die „beste der schlechten Alternativen“ wählen muss, sondern guten Gewissens eine gute Partei unterstützen kann. Nähere Infos unter http://www.oedp.de.

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