Die Wand wird inspiziert

Ein Weberknecht begutachtet die frisch gestrichene Wand. Zwar frißt er keine nervenden Insekten, sondern abgestorbene Pflanzenteile und Mikroorganismen – aber er ist mir trotzdem willkommen. Ich habe nämlich überhaupt keine Angst vor Spinnen.

Weberknecht

Gottfried Keller
Friede der Kreatur

Spinnen waren mir auch zuwider
All meine jungen Jahre,
Ließen sich von der Decke nieder
In die Scheitelhaare,
Saßen verdächtig in den Ecken
Oder rannten, mich zu erschrecken,
Über Tischgefild und Hände,
Und das Töten nahm kein Ende.

Erst als schon die Haare grauten,
Begann ich sie zu schonen
Mit den ruhiger Angeschauten
Brüderlich zu wohnen;
Jetzt mit ihren kleinen Sorgen
Halten sie sich still geborgen,
Lässt sich einmal eine sehen,
Lassen wir uns weislich gehen.

Hätt‘ ich nun ein Kind, ein kleines,
In väterlichen Ehren,
Recht ein liebliches und feines,
Würd‘ ich’s mutig lehren,
Spinnen mit den Händen fassen
Und sie freundlich zu entlassen;
Früher lernt‘ es Friede halten
Als es mir gelang, dem Alten.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Die Wand wird inspiziert

  1. Mich faszinieren die Viecher auch immer. Sie sind so filigran, so zart. Sie tun niemandem etwas und wenn sich eines von ihnen in meinen Halogen-Strahler verirrt, es nur noch kurz „bssst“ macht, dann finde ich das sehr schade. Normalerweise sehe ich sie mir in Ruhe an und dann setze ich sie wieder raus.

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