Märchen vom Erwachsenwerden

ist der Titel eines Buches von Harald Stollmeier, dessen Gedichtband ich hier bereits vorgestellt habe.

In fünf Märchen greift Stollmeier alte Motive auf, bleibt dabei authentisch und originell, ohne gewollt zu wirken.

Für kleine Kinder sind besonders die beiden ersten kurzen Märchen geeignet:
Der kleine Frieden ist die Geschichte von zwei armen Jungen, die zuerst gemeinsam ein schönes Buch schreiben und in der Folge einen Drachen überwinden und einen launischen, humorlosen und bösen König besiegen.

Der Feuerkopf ist ein Mädchen, das wegen seiner roten Haare verspottet wird – bis sich herausstellt, daß eine sich von Menschenhirnen ernährende Hexe durch nichts anderes als rotes Haar besiegt werden kann.

Die anderen drei Märchen sind länger und kunstvoller aufgebaut, geeignet für Kinder, die schon flüssig lesen können – und durchaus auch von den Großen mit Freude und Gewinn lesbar.
Für mich das schönste Werk des Buches ist Die Wiedergeburt des Rosengartens. Der immer sommerliche Garten der gütigen Rosenfee wird Zuflucht und Heimat für einen in Ungnade gefallenen Ritter, einen ausgeraubten Zwerg und einen von seinem erzürnten Meister verfolgten Zauberlehrling.
Wie ein Drache den Garten zerstört und wie die drei so unterschiedlichen Helden den Garten und die Fee nach vielen Jahren durch Mut, Klugheit und ihre verschiedenen Erfahrungen retten können, beschreibt Stollmeier mit üppiger poetischer Phantasie, aber in klarem, schnörkellosen Stil und mit erfrischendem Witz. (So erfährt der Leser, daß Drachen zahm werden, wenn man ihnen erst Schnaps und später ein Kopfschmerzmittel gibt.)

Spiegel im Spiegel schildert in starken Bildern das Aufwachsen aus Orientierungslosigkeit und Schutzbedürftigkeit zu Wissen, Macht und Verantwortung. Der Held der Geschichte wird als Kind aus Lebensgefahr gerettet um den Preis, einsam in einer Höhle aufzuwachsen, die in einer phantastischen Wandelbarkeit zugleich bedrohlich und wegweisend wirkt. Später muß er schmerzlich lernen, daß Klugheit und Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit zu grausamer Härte führen; erst die Versteinerung seiner Frau und seiner Kinder bringt ihn zum Umdenken und endlich zu einem guten Neubeginn.

Der dreizehnte Schwan handelt von einem Jugendlichen, dessen größte Sehnsucht ist, das Elfenreich zu finden. Hierzu muß er eine Prüfung ablegen, die er nur durch den Verzicht auf Gewalt besteht – denn Elfen sind ohne Sünde. Aber das Elfenreich ist bedroht, und als es von Eisriesen zerstört wird, ändert sich die Welt für den Helden der Geschichte vollkommen.

Rosengarten und Elfenland, aber auch die gefahrvolle Höhle sind Welten, in denen die Zeit kaum vergeht. Die Entwicklung zum Erwachsenwerden geschieht durch Verlassen der kindlichen Zeitvergessenheit. Zur wirklichen Reife aber gehört eine Rückbesinnung darauf.
Hilfsbereitschaft auch unter Gefahr wird ebenfalls in Stollmeiers Märchen als Weg zur Reife beschrieben.
Die Märchen sind nicht harmlos, auch der Tod kommt vor. Im Gegensatz zu den in unserer Zeit so zahlreichen süßlichen Bereinigungen alter Märchen wird hier Kindern die Erwähnung von Gewalt und Tod durchaus zugemutet – am eindrucksvollsten ist in dieser Hinsicht die Beschreibung der Seehexe im Feuerkopf. Wie böse Rohheit ist und wie wichtig Rettung vor Gewalttat, wird gerade dadurch eindrucksvoll deutlich.
Stollmeiers grundlegende Botschaft ist: Erwachsenwerden heißt selbständig, klug und mutig handeln, und es heißt lernen, hilfreich und friedfertig zu leben. Dabei spart er den erhobenen Zeigefinger, indem er schlicht zeigt, daß Gutsein endlich zum Guten führt.

Heike Laufenburg hat das Buch mit farbstarken, leuchtenden Aquarellen illustriert, und obwohl ihre Darstellungen von Menschen zuweilen ungelenk sind und eine klarere Formensprache der sprachlichen Klarheit besser entsprochen hätte, sind sie hübsch anzusehen.

Harald Stollmeier: Märchen vom Erwachsenwerden. Zwiebelzwergverlag 2013, 79 Seiten, 12.50 €.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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