Ein längerer Spaziergang

Ich wollte nur zum Volkspark.
Noch keine fünf Minuten weit war ich gegangen, da sprach mich eine nicht mehr ganz junge Frau an, sie müsse Richtung Zoo. Sie war zu Fuß.
Ich sagte ihr, sie müsse einfach geradeaus gehen, das allerdings ungefähr eine Dreiviertelstunde lang. Das war ihr recht, sie ging gerne und hatte Zeit. Der Volkspark liegt in der gleichen Richtung, nur viel näher, und während wir nebeneinander gingen, erzählte sie. Sie erzählte von einer Reihe familiärer Katastrophen, von hoher Verschuldung, von Alleinsein.
Ich ging mit ihr bis zum Kurfürstendamm. Zuhörend und nur ganz wenig vorschlagend. Das sind Dinge, die ich eigentlich gar nicht so gut kann, zuhören und Klappe halten, aber hier ist es mir gelungen – und die Frau sah nun sehr viel froher aus als am Friedrich-Wilhelm-Platz.
Ich bin dankbar, daß ich sie getroffen habe. Ich hoffe, sie findet aus ihrer gräßlichen Situation heraus – unmöglich ist es nicht, aber schwierig.
Übrigens, es ist gar nicht schlecht, anderthalb Stunden lang – Friedenau-Kurfürstendamm, hin und zurück – durch Berlin zu gehen. Macht Freude.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Ein längerer Spaziergang

  1. bigi schreibt:

    Das sind die schönsten Begegnungen finde ich 🙂 und du hast ihr sicher einfach gut getan!

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