Ein träumender Denker

Adalbert_von_Hanstein[2]

Vor 109 Jahren starb der Dichter Adalbert von Hanstein, der der Nacht und dem Schlaf den Zyklus Nachtstimmungen widmete.
Nicht nur über Schlaf und Traum, Phantasie und Schöpferkraft dachte er dichtend nach. Ein wichtiges Thema war ihm immer die Religion, besonders das Christentum. Er beklagt in vielen Gedichten ihre gewaltsamen, zutiefst unchristlichen Ausbrüche und sehnt sich zugleich nach dem eigentlichen Wesen des Christentums, nach der Religion der Liebe und des Friedens. Auch Mohammed und Buddha würdigt er im Gedicht.

Und wie alle Romantiker besingt er die Natur, so in diesem lyrischen Herbstspaziergang:

Herbst

Das Laub hat ausgegrünt in Gau und Hag,
Die Traube schwoll, die Ähren sind geschnitten —
Durch weichen Nebel, der am Himmel lag,
Kommt leuchtend uns zum letzten Sommertag
Der Sonne letzter Funkelstrahl geglitten.

Nimm Abschied Herz, von Farbe, Acht und Glut —
Noch einmal funkelt’s auf in Busch und Bäumen,
Wie Blumen bunt, getaucht in Gold und Blut —
Das ist des Sterbens trügerischer Mut —
Kurz vor dem Schlummer noch ein buntes Träumen!

Noch einmal denn hinaus — den Stab zur Hand —
Mit Frühlingsmut und sommerheißem Sehnen!
Weit, wie die fruchtbefreite Flur sich spannt —
Weit, wie des Himmels sonnig Wolkenband,
Soll Mut und Hoffen, Herz und Blut sich dehnen! —

Dann mag der Wirbelsturm im Überdruß
Das welke Laub von morschen Zweigen hämmern —
Und niederschmettern, was verderben muß! —
Noch eines letzten Sommertag’s Genuß —
Dann mag die lange Nacht herniederdämmern!

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.