Das erste Menschenrecht

Das Thema des Blog Action Day sind heuer die Menschenrechte.

Das erste Menschenrecht, das, von dem alle anderen abhängig sind, ohne das alle anderen wertlos sind, ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Dies Recht ist absolut, es darf grundsätzlich nicht relativiert werden.
Es ist nicht im mathematischen Sinne beweisbar, daß ein Recht auf Leben besteht, daß das Töten von Menschen falsch ist. Dadurch wird das Recht auf Leben aber kein sentimentaler Unfug, sondern ein Axiom. Gäbe es kein unbedingtes Recht auf Leben, so müßte die Existenz jedes Menschen gerechtfertigt werden. Ich überlasse es den dystopischen Phantasien meiner Leser, sich auszumalen, in was für Gesellschaftsformen diese Haltung notwendig führt.

Ein Grundrecht – alle Menschenrechte sind Grundrechte – kennt keine Ausnahmen. Aber es gibt Dilemmata.

Wenn ein Mensch nicht anders als durch Tötung daran gehindert werden kann, andere zu töten oder schwer zu verletzen, ändert das nichts an seinem grundsätzlichen Lebensrecht. Der finale Rettungsschuß (ein Ausdruck, den ich immer wieder grausig finde – aber ein besserer fällt mir nicht ein) ist niemals gut, sondern höchstens nicht ganz so schrecklich wie die Alternative; er kann also zwar notwendig (die Not eines zu Unrecht bedrohten Menschen wendend), aber nicht wünschenswert sein.

Es ist nicht notwendig, einen überführten Mörder hinzurichten – und weil es nicht notwendig ist, ist es eindeutig falsch. Denn einem Menschen ohne Notwendigkeit Schaden zufügen kann nie richtig sein. Der Schaden für einen Mörder, im Gefängnis zu sitzen, muß um der Sicherheit willen und wegen der nicht nur für die Angehörigen des Opfers, sondern auch für den Täter sinnvollen Sühne in Kauf genommen werden. Die Tötung des Täters ist überflüssig, ist schädlich (übrigens auch für den, der sie ausführt), mithin ist sie falsch und kann durch Rachegedanken – die in sich auch falsch sind – nicht richtiger werden.

Wenn man nun Schuldige nicht ohne Not töten darf und selbst die notwendige Tötung ein Übel ist, so ist es absurd, die Tötung Unschuldiger hinzunehmen.

In keinem Stadium des Lebens darf man das Menschenrecht auf Leben außer Kraft setzen (Leben heißt schlicht Leben, nicht: weit ausgebildete Fähigkeiten). Zwar bleibt in wenigen Fällen kaum eine andere Wahl, als den Tod eines ungeborenen Menschen als Folge einer lebensrettenden Behandlung der Mutter in Kauf zu nehmen. Solche Fälle sind selten und können durch medizinischen Fortschritt noch seltener werden. Auch ist dann das Ziel einer medizinischen Handlung nicht der Tod des Kindes, sondern das Leben der Mutter (ohne die auch das Kind nur eine Chance hat, wenn es weit genug entwickelt ist, in einem Brutkasten zu überleben).

Ein Mensch im frühen Entwicklungsstadium kann nicht weniger Lebensrecht haben als ein geborener Mensch, da das unmittelbar zur Relativierung dieses ersten Menschenrechts führt. Die oft gehörte Meinung, ein kranker oder behinderter Mensch oder ein Mensch, dessen biologische Eltern in sozialen oder ökonomischen Schwierigkeiten sind, könne (und solle) vor der Geburt problemlos beseitigt werden, widerspricht der Universalität des Lebensrechtes und damit aller Menschenrechte.

Abtreibung ist in gleicher Weise ein Übel wie jede andere gezielte Tötung von Menschen. Zu rechtfertigen ist sie in keinem Fall.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Das erste Menschenrecht

  1. Karl Eduard schreibt:

    Es gibt objektiv keine Menschenrechte. Wie es auch objektiv kein Recht gibt. Es gibt nur das, was durchgesetzt werden kann und was in jeweiligem Umfeld, der Gesellschaft, akzeptiert wird. Was nützt, zum Beispiel, das Recht auf Leben, wenn Leute irgendwo nichts zu essen haben. Da können die noch so darauf pochen, ich habe ein Recht auf Leben, wenn sie mangels Nahrung verhungern. Und das Mordopfer kann auch rufen: „Nun respektiere gefälligst mein Recht auf Leben!“ Pustekuchen. Und… möchten Sie einen Mörder finanziell lebenslang versorgen? Oder soll das nur die anonyme Gesellschaft tun?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Zunächst: Über die Unmöglichkeit, Rechte auf die gleiche Weise wie mathematisch Bewiesenes zu begründen, habe ich in diesem Artikel geschrieben.
      Sodann: Die Annahme, daß ein Verstoß gegen das Recht auf Leben dies Recht grundsätzlich außer Kraft setzt, ist ein so schwerer logischer Fehler, daß ich mir nicht zutraue, dies genau zu erklären; dazu braucht man geduldigere und pädagogisch begabtere Menschen als mich.
      Und schließlich, die letzte Frage: Wenn die Alternative zur lebenslangen Versorgung eines Mörders seine Beseitigung ist, so bin ich unter allen Umständen für diese Alternative. Warum ich gegen Todesstrafe bin, und zwar kategorisch, ohne die geringste Ausnahme, habe ich bereits ausführlich erklärt. Es hat leider nicht viel genützt.
      Gesellschaft ist nicht anonym, sonst wäre es keine Gesellschaft. Leider kann ich für die Gesellschaft – gleich welche – nicht mehr tun als Erklärungen wie die obenstehende anbieten; großzügig den Geist des Verstehens verteilen kann nur ein anderer, und der ist in Deutschland leider unbeliebt.

      • Karl Eduard schreibt:

        Ich will nur sagen, was wir als Recht deklarieren, findet da seine Grenzen, wo es nicht als Recht anerkannt wird.

  2. Bettina schreibt:

    naja K E, Menschenrechte gibt es nicht als objektive Rechte,denn Menschenrechte gehören zu den subjektiven Rechten –> http://de.wikipedia.org/wiki/Subjektives_Recht

    interessanter Artikel Claudia

  3. isa schreibt:

    Recht steckt auch im Wort Gerechtigkeit, also vielleicht doch ein bisschen Mathe in Form einer Gleichung. Dass die überlebenswichtigen Ressourcen dieser Erde von wenigen Menschen privatisiert werden und Macht in Anspruch genommen werden kann setzt Recht und Gerechtigkeit eigentlich außer Kraft. Wie sollen unter diesen Umständen Menschenrechte formuliert werden können, die auch greifen können. So wundert es mich nicht, dass die allgemein erklärten UN Menschenrechte sich schwer tun, sich in der Gesetzgebung der Länder als Recht wiederzufinden.

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