Ein Brief an Maria

Heute ist in meiner Gemeinde die letzte Rosenkranzandacht im „Rosenkranzmonat“ Oktober.
Aus diesem Anlaß schicke ich der Gottesmutter einen Brief.

Liebe Maria,
Mutter und Schwester,

ich weiß oft nicht recht, wie ich zu Dir sprechen soll.
Oft befremden mich die Formen der Frömmigkeit, die Dich schier zur Halbgöttin erheben – das kann Dir ja kaum recht sein!
Aber die Mutter meines und Deines Herrn bist Du.
Du hast spontan Ja gesagt, als Er Dir angekündigt wurde. Du hättest auch Nein sagen können, Du hättest auch sagen können „Das muß ich mir erst noch überlegen“. Stattdessen hast Du bedingungslos Ja gesagt, hast vertraut und angenommen.
Du hast ausgehalten, daß Joseph Dir mißtraute. Daß auch er sich überzeugen ließ durch einen Traum, konntest Du ja nicht vorher wissen.
Du hast ausgehalten, daß die Leute komisch guckten auf Dich und auf Joseph, und wahrscheinlich auch auf den kleinen Jesus. Vermutlich hast Du auch Klatsch und Tratsch gehört, Flittchen, Weichling, Kegel – oder wie immer man Dich, Deinen Mann und Dein Kind bezeichnet hat.
Du hast ausgehalten, daß Dein Sohn irgendwie anders war als andere Kinder.
Du hast ausgehalten, daß Er so befremdlich reagierte, als Du Ihn nach angstvoller Suche im Tempel fandest, so gar nicht verzeihungsheischend, so gar nicht trotzig, einfach nur mit einem ruhigen Bekenntnis zum Vater im Himmel – und zugleich einer Art Absage an die Fürsorge der Familie.
Du hast ausgehalten, daß Er nicht heiraten wollte.
Du hast ausgehalten, daß Er als Wanderprediger umherzog, statt in der väterlichen Werkstatt zu arbeiten, um sie später zu übernehmen. Daß Er sich mit so sonderbaren Leuten umgab.
Du hast ausgehalten, daß Er Dir und den Verwandten so eine harsche Abfuhr erteilte, als ihr Ihn sehen wolltet.
Du hast ausgehalten, daß Er festgenommen und verurteilt wurde.
Du hast ausgehalten, daß Er nach einem fadenscheinigen Eilprozess gefoltert und ermordet wurde. (Wie hast Du das ausgehalten? Es muß Dich zerrissen haben!)
Du hast ausgehalten, Seinen Leichnam mit zerfetzter Haut vor Dir zu sehen.

Bei alledem konntest Du nicht wissen, daß Er auferstehen würde.

Du bist die Frau, die aushält.
Sei Du meine Freundin und Mutter, und sei mir nah, wenn es für mich um nichts als Aushalten geht.

Herzliche Grüße,
Deine Claudia

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ein Brief an Maria

  1. Pingback: Maria zum Geburtstag | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

Kommentare sind geschlossen.