Scharfer Denker, entschiedener Christ

Vor 547 Jahren (vielleicht auch etwas weniger) wurde Erasmus von Rotterdam geboren. (Den verlinkten Wikipedia-Artikel bitte ich mit gemessener Vorsicht zu genießen, er enthält m.E. grobe Fehleinschätzungen.)
Er war Theologe und als solcher zeitlebens um eine Versöhnung zwischen dem Katholizismus und der neuen protestantischen Kirche bemüht – leider ohne Erfolg, was wohl zum guten Teil an Luthers steigendem Grimm über den Papst lag.
Erasmus ist einer der wichtigsten Humanisten überhaupt. All jenen heutigen Atheisten und Kirchenschmähern, die sich als Humanisten bezeichnen, lege ich dies Zitat ans Herz:

Da der einzige Weg zum ewigen Leben der ist, Gott zu erkennen und seinem Befehl zu gehorchen, beweint der Prophet im 14. Psalm bitterlich die verblendete Torheit der Menschen, da nur wenige gefunden werden, die die offenkundige wesenhafte Barmherzigkeit ihres Schöpfers und Erlösers annehmen und sich zu eigen machen; vielmehr wird der größere Teil durch ihre blinde sinnliche Begierlichkeit so vollkommen verführt, daß sie auch in ihrem Herzen sprechen: Es gibt keinen Gott. Aus ihrer so gottlosen, falschen Meinung, daß es keinen Gott gebe, ist wie aus einem Brunnen die Bosheit und Gemeinheit gegen die Nächstenliebe entsprungen. Denn keiner liebt wahrhaft seinen Nächsten, der ihn nicht um Gottes Willen liebt, da die Werke der Liebe aus dem Glauben an Gott wie aus einer Wurzel erwachsen. Wer aber in seinem Herzen erwägt und spricht: Es gibt keinen Gott, der hat ein schnödes und allzu enges Herz, und der Rede folgt dann die Tat, so daß er seinem Nächsten nichts Gutes tun kann, sondern ihn nur anbläst mit dem giftigen Leichengestank des Betruges, dem tödlichen Natterngift, das ein anderer Psalm unheilbar nennt.

Erasmus von Rotterdam, Büchlein über die Reinheit der Kirche

Zahlreiche neuere Informationen über den Humanismus sind irreführend.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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20 Antworten zu Scharfer Denker, entschiedener Christ

  1. stefanolix schreibt:

    Es gibt ein interessantes Büchlein über Erasmus von Stefan Zweig: »Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam«. Die Bücher von Stefan Zweig sind seit Anfang 2013 gemeinfrei, so dass man den Text beim deutschsprachigen »Projekt Gutenberg« lesen (oder kapitelweise speichern) kann: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6861/1

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für den Hinweis!

      • stefanolix schreibt:

        Schau mal auf diese großartigen klaren Worte Stefan Zweigs über Erasmus (aus Kapitel 2):

        »Aber rechts ist Übertreibung und links ist Übertreibung, rechts Fanatismus und links Fanatismus, und er, der so unabänderlich antifanatische Mensch, will nicht der einen Übertreibung dienen und nicht der anderen, sondern einzig seinem ewigen Maß, der Gerechtigkeit. Vergeblich stellt er sich, um das Allmenschliche, das gemeinsame Kulturgut aus diesem Zwist zu retten, als Mittler in die Mitte und damit an die gefährlichste Stelle; er versucht, mit seinen nackten Händen Feuer und Wasser zu mischen, die einen Fanatiker zu versöhnen mit den anderen: unmögliche und darum doppelt großartige Bemühung. Erst versteht man in beiden Lagern seine Haltung nicht und hofft, weil er milde spricht, man könne ihn für die eigene Sache gewinnen. Kaum aber daß sie beide begreifen, daß dieser Freie für keine fremde Meinung Ehre und Eid gibt und keinem Dogma Schützenhilfe leisten will, prasselt von rechts und links Haß nieder auf ihn und Verhöhnung.«

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das ist wirklich großartig.
      Nicht nur sehr klar analysiert, sondern auch in wirklich wunderbarem Deutsch geschrieben.

  2. Muriel schreibt:

    “Denn keiner liebt wahrhaft seinen Nächsten, der ihn nicht um Gottes Willen liebt“
    Erasmus kann ja meinetwegen ein netter Typ gewesen sein, aber warum willst du denen denn solchen evidenten Quatsch ans Herz legen?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Mein Mitleid mit Dir ist zu gering, um diesen Kommentar zu löschen.

      • Muriel schreibt:

        Reicht es denn, um es mir zu erklären?

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Wenn Du „um Gottes Willen“ überträgst mit „nicht um seiner selbst willen“, wird es Dir vielleicht verständlich. Das vorrangige Motiv zum Dienst am Nächsten darf laut Erasmus nicht das Ego des Dienenden sein.

      • Muriel schreibt:

        Ja… Wenn ich mir was völlig anderes hin denke, als da steht, kann es irgendwann okay werden.
        Aber da steht eben, dass man seinen Nächsten ausschließlich dann wahrhaft lieben kann, wenn man es tut, weil ein Gott es will.
        Wenn deine Meinung eine andere ist, müssen wir darüber aber natürlich nicht weiter reden. Dann sind wir uns ja womöglich sogar einig.

      • stefanolix schreibt:

        @Claudia: Du formulierst es so, dass es auch jeder Agnostiker und sogar der eine oder andere Atheist unterschreiben könnte.

      • Muriel schreibt:

        @Stefanolix: Nein. Nicht jeder Agnostiker.

      • stefanolix schreibt:

        Richtig. Nicht jeder, aber so mancher. War eine etwas zu enthusiastische Bemerkung von mir.

        Wenn man die Hilfe für den Nächsten betrachtet, muss man wohl außerdem auch die enge Verbindung zwischen Egoismus und Altruismus sehen. Beides hängt ja miteinander zusammen.

      • Muriel schreibt:

        Sehe ich genau wie du.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Daß ich Christin bin, ist ja nun nicht gerade ein Geheimnis. Daher gibt es selbstverständlich wesentliche Punkte, in denen wir nicht einig sein können.
      Daß meine Erklärung einen Gutteil meines Religionsverständnisses ausmacht – bei weitem nicht das ganze -, kann ich wohl auch nicht klarer machen.
      Lassen wir es gut sein.

      • Muriel schreibt:

        Aber du richtest diesen Beitrag doch nun ausdrücklich an Atheisten, wenn auch nur am eine bestimmte Sorte, zu der ich mich nicht zähle. Mich hätte schon interessiert, was du damit sagen wolltest.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Ich sehe immer wieder, daß atheistische Humanisten gar nicht genau wissen, was die Humanisten der Renaissance, auf die sie sich gerne berufen, für Leute waren. Die größten Humanisten waren Christen, und wenn ich heute wahrnehme, wie moderne Humanisten die Religionen allgemein und das Christentum im Besonderen als Wurzel der Dummheit und des Unfriedens sehen, wünsche ich mir einfach, daß sie aufhören, sich Humanisten zu nennen – und zwar aus Respekt (oder meinetwegen Angst) vor Erasmus.

      • Muriel schreibt:

        Ahhhh. Danke für die Erklärung! Hatte ich fast schon befürchtet.

  3. Brettenbacher schreibt:

    ein unbehülflicher Nachahmer des Cherubinischen Wanderers hat es einmal so versucht:
    Wo wir lieben verlasset s Gott sich , – uns zu dienen;
    Seind wir verliebet – seind wir Götzendiener.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      In der Tat!
      Im Französischen wird das Verb adorer – anbeten – z.T. auch für lieben i.S.v. verliebt sein oder gar einfach mögen benutzt. „Je l’adore“ oder „J’adore ça“. Und eine Ausländerin, die die genaue Wortbedeutung noch nicht kennt, kann damit in der Gemeinde ziemlich anecken. „On n’adore que Dieu“, hörte ich als etwas entrüstete Antwort, lang ists her.

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