Ein Fürstbischof zürnt

Dies feine Dokument von 1786 habe ich von meinem Vater geerbt; warum ausgerechnet er einen spätbarocken Hirtenbrief besaß, bleibt unergründlich.
Fürstbischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen hat sich über erbsenzählende, exegesefeindliche und bildungsarme Fanatiker unter der Geistlichkeit wirklich sehr geärgert und diesem Ärger in perfektem Latein auf 27 Seiten Ausdruck gegeben. Mancher Absatz läßt sich ganz einfach auf unsere Zeit übertragen – nicht nur der Herr Alipius wird mir zustimmen.

Hirtenbrief 1
Hirtenbrief 2
Hirtenbrief 3

Nun habe ich das gute Stück endlich abgetippt und übersetzt und die geschliffene Ausdrucksweise Seiner Exzellenz des Fürstbischofs gebührend bewundert. Und damit kann ich mich vom Originaldruck trennen; zusammen mit einem Ausdruck meiner Übersetzung wurde er gerade zum Weihnachtsgeschenk.

Hirtenbrief 4
Hirtenbrief 5
Hirtenbrief 6

… [der blinde] Eifer ist umso gefährlicher, je heimlicher Neid, Stolz, Starrsinn, Ehrgeiz unter seinem eitlen Vorwand gewohnheitsmäßig und ungestraft gegen alle Guten, gegen alles Heilige wüten.
Dieser Eifer führt umso wirksamer zum Irrtum, je schlauer er darauf hin­arbeitet, die verborgene Glut des sanguinischen und cholerischen Tempera­ments mit dem heißen Bemühen um Tugend und göttliche Ehre zu bemänteln.
Dieser Eifer ist umso jammervoller, je schamloser er gegen die wichtigste Vorschrift der christlichen Religion, die der Nächstenliebe, verstößt und seinen Bruder mit Füßen tritt, als könne er eben so und nicht anders als über den niedergetretenen Bruder den Gipfel der fördernswerten göttlichen Ehre erklimmen.
Diesen Eifer kann man umso schwerer zu besserer Frucht zurückführen, je störrischer er sowohl die Ermunterungen der Prediger als auch die Mah­nungen der Beichtväter, die Bitten der Freunde und die Zurechtweisungen Höherstehender und selbst des Evangeliums strenge Maßregeln uner­schrocken verachtet als etwas, das ihn, der von sich glaubt, aus äußerstem, heißem Streben nach der Ehre Gottes zu handeln, überhaupt nicht betrifft.
Dieser Eifer fügt dem Ansehen der christlichen Religion umso schwerere Wunden zu, je emsiger die Feinde des christlichen Namens, wenn etwas Böses gerade durch seine Gewalt zustande gebracht wurde, die Gelegenheit ergreifen, alles, was aus unzeitiger Leidenschaft an Bösem getan wurde, auf die Religion selbst zurückzuführen und von da an das, was als das Heiligste angesehen werden sollte, boshaft verunglimpfen.
Schließlich ist dieser Eifer die vorrangige Ursache, warum so viele unter den weniger umsichtigen katholischen Eiferern bei anderen Gelegenheiten einem blinden Führer überallhin folgen und selbst erblinden und, da das, was das Wesen der wahren katholischen Religion ausmacht, vernachlässigt wurde, nur durch äußerliche Geringfügigkeiten und ohne Rücksicht auf das Mark allein der Rinde anhaften.

Hirtenbrief 7
Hirtenbrief 8
Hirtenbrief 9

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Ein Fürstbischof zürnt

  1. Alipius schreibt:

    Klasse! Leider funktioniert der Link zu der Übersetzung nicht…
    Clemens Wenzeslaus von Sachsen war übrigens nicht nur Fürstbischof von Augsburg, sondern auch Kurfürst und Erzbischof von Trier und Fürstpropst von Ellwangen. Also jemand, der durchaus in Kreisen verkehrte, wo Neid, Stolz, Starrsinn und Ehrgeiz ein Wörtchen mitzureden hatten.
    Wenn die Worte seines Schreibens von Herzen kamen (wovon ich mal ausgehe), dann wurde Clemens Wenzelaus von dem ihm so verhaßten Eifer der Bildungsarmen doppelt getroffen: Einmal fluteten nach Ausbruch der französischen Revolution geflohene Adlige und Geistliche in das Kurfürstentum Trier und hier besonders in die Residenzstadt Koblenz. Die damalige Geschichtsschreibung (wahrscheinlich nicht vollkommen unvoreingenommen) portaitierte vor allem die Geistlichen als tumbe, völlende Eiferer, also sicher keine potentiellen Kumpels von Clemens Wenzeslaus. Und dann folgten den Geflohenen bald die Revolutionäre, die – auch nicht eben von Bodenständigkeit und Sachverstand erfüllt – des Kurfürsten liebste Lustschlösser bei Koblenz (Schönbornslust und Kärlich) dermaßen plünderten, verwüsteten und zerstörten, daß von den Bauten nur die öden Mauern und von den Lustgärten nur Schlachtfelder übrigblieben. Clemens Wenzeslaus zog sich nach Verlust all seiner geistlichen Staaten und Besitzungen schließlich nach Augsburg zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1812 noch viel Zeit hatte, seiner Fürstenseele endgültig Stolz, Ehrgeiz, Rachegefühle und Eifer auszutreiben (vorausgesetzt, daß diese Gefühle ihn überhaupt je quälten).

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