Dreimal Liebe, bitte

Im Deutschen gibt es für Liebe in drei gleich wichtigen Ausprägungen nur ein Wort. Liebe halt.
Die lateinische Sprache ist hierin viel genauer:
amor – Liebe mit Sexualität als wichtigem (keinesfalls einzigem) Bestandteil.
caritas – helfende Liebe, Nächstenliebe.
dilectio – Freundesliebe, innige Zuneigung ohne sexuelle Interessen.

Zwar ist dabei klar, daß es teilweise fließende Übergänge gibt – amor ohne dilectio, also freundschaftliche Verbundenheit, die auf geistiger Übereinstimmung beruht, wäre eine eher traurige Sache; dilectio ist kaum ernstzunehmen, wenn sie nicht auch zur gegenseitigen caritas bereit ist.
amor wird in der Spätantike teilweise auch als Synonym für dilectio benutzt, vielleicht weil eine freundschaftliche Zuneigung auch auf Körperlichkeit angewiesen ist. Im Christentum ist dilectio auch die Liebe zu Gott – der ja eindeutig ein Freund der Menschen ist.
Trotz dieser Überschneidungen und Verwischungen behält das Lateinische hier den Vorzug größerer Genauigkeit. So sehr ich die deutsche Sprache liebe, vermisse ich diese differenzierte Ausdrucksweise in einer so wichtigen Sache. Dadurch wird so viel wortreiches Erklären nötig. Man kann kaum sagen Ich liebe Herrn und Frau N., ohne in Verdacht zu geraten, mit beiden das Bett zu teilen – obwohl man einfach nur meint: Ich nehme an ihrem Leben, ihrem Schicksal teil, sie sind mir beide wichtig, wo nötig, will ich ihnen helfen, und wenn ihnen etwas Schlimmes zustößt, bin ich traurig. Und vollends wer solche Gefühle gegenüber einem katholischen Priester oder einer Ordensschwester hegt, sollte auf Deutsch lieber die Klappe halten. Aber eum/eam valde diligo kann man sagen, ohne in peinlichen Verdacht zu geraten. (Natürlich auch deshalb, weil es nicht so viele Leute verstehen, aber das ist noch mal was Anderes.) Oder man übersetzt mit „Ich mag ihn/sie sehr“ – das ist aber ein viel schwächerer Satz.

Vielleicht wäre der sprachliche Mangel im Deutschen leichter zu ertragen, wenn die Welt nicht dermaßen übersexualisiert wäre. Dann könnte man Ich liebe XY sagen, ohne daß die Mehrheit heraushörte Ich will mit XY ins Bett.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Dreimal Liebe, bitte

  1. Eugenie Roth schreibt:

    Den Beitrag habe ich für meine Lateinecke kopiert/verlinkt. Vergelt’s Gott!

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