Nichtwissen und Allmacht

Wir können nicht nicht wissen.
Menschen lernen mehr oder weniger, gern oder ungern, haben verschiedenes Maß und verschiedene Arten von Wissen, können ihr Wissen vergessen, verdrängen oder durch Hirnschädigung verlieren – aber es ist unmöglich, Gewußtes willentlich nicht mehr zu wissen. Daher sind z.B. rollenspielerische Versuche, das Mittelalter zu begreifen, kein wirklicher Zugang zu einer uns fernen Zeit, denn der beste Rollenspieler kann sich nicht von seinem Wissen trennen. Er weiß, daß er spielt.

Was wir wissen, annehmen, glauben, ist Teil des Bewußtseins und prägt uns. Selbst wenn es uns gelänge, eine nach äußerlichen Gegebenheiten authentische Mittelalterwelt zu schaffen – einschließlich der dazugehörigen medizinischen Versorgung durch Kräuterkundige, Bader und nach Kenntnisstand und Möglichkeiten des 12. Jhs. arbeitende Ärzte -, wüßten alle Bewohner dieser Kunstwelt, daß andere Möglichkeiten bestehen, daß es Elektrizität und Autos, moderne Sanitäreinrichtungen und Zahnärzte und Anästhesie gibt, und sie nähmen daher weite Wege, körperliche Arbeit und Krankheit anders wahr als Menschen, die um unsere Möglichkeiten nicht wissen konnten. Schreckliche Erfahrungen wie der Tod kleiner Kinder werden heute vermutlich anders erlebt als zu Zeiten, wo sie in fast jeder Familie vorkamen.
Wer jemals Bach oder die Beatles oder Penderecki gehört hat, kann Gregorianik nicht genauso wahrnehmen wie ein Mensch, für den früheste Formen von Mehrstimmigkeit im gregorianischen Choral aufregend moderne Musik waren. Weil es Rembrandt, Watteau und Picasso gab, können wir nicht ahnen, was Menschen angesichts der ganz frischen Fresken in Assisi empfanden.

Christen glauben, daß Gott sich aus Seiner Allmacht und Allwissenheit zum Menschen gemacht hat, also in den Personen von Vater und Geist allmächtig und allwissend blieb, in der Person Jesu diese Attribute aber radikal aufgab. Ich vermute, der Mensch Jesus hatte das Seiner Zeit mögliche Weltwissen – d.h. Er wußte, wie man Möbel zimmert, aber nicht, daß es einst Kreissägen geben würde, wußte, was ein Leprakranker durchzustehen hatte, aber nicht, daß es einst medizinische Hilfe gegen Lepra geben würde. Zum Menschsein gehört ja die Begrenzung des Wissens, und das Christentum sieht Jesus als wahren Menschen – und zugleich als wahren Gott, wesensgleich mit Vater und Geist.

Menschen können Macht haben und darauf verzichten, Wissen haben und auf seine Anwendung verzichten – aber alles Wissen haben und zugleich auf Wissen verzichten, so vollkommen, daß es nicht mit einiger Anstrengung abrufbar ist, sondern wirklich nicht vorhanden – das kann nur Gott. Zugleich in der Person Jesu menschlich begrenztes Wissen haben und in den Personen des Vaters und des Heiligen Geistes allwissend sein, übersteigt jede Vorstellungskraft.
Menschen können es nur glaubend, demütig und staunend annehmen und im übrigen einfach fortfahren zu wissen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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