Ein Priester für Arbeiter und Bauern

Am Weihnachtstag vor 202 Jahren wurde Wilhelm Emmanuel von Ketteler geboren, der spätere Bischof von Mainz und Gründer der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung. Soziale und seelische Fürsorge für Arbeiter und Bauern waren ihm eine Herzensangelegenheit; ein Krankenhaus für Arme entstand auf seine Initiative.
In einer Ansprache vor Arbeitern sagte er:

Die erste Forderung des Arbeiterstandes ist: eine dem wahren Werthe der Arbeit entsprechende Erhöhung des Arbeiterlohnes.
Diese Forderung ist im Allgemeinen höchst billig; auch die Religion fordert, daß die menschliche Arbeit nicht wie eine Waare behandelt und lediglich durch An- und Abgebot abgeschätzt werde.
Dahin hatten es die vorhin erwähnten volkswirthschaftlichen Grundsätze, die von jeder Sittlichkeit und Religion abstrahirten, gebracht. Die Arbeit wurde nicht nur als Waare, sondern der Mensch mit seiner Arbeitskraft überhaupt als Maschine betrachtet. Wie man die Maschine so billig wie möglich kauft und sie dann Tag und Nacht ausnutzt bis zu ihrer Zerstörung, so wird der Mensch mit seiner Kraft nach diesen Systemen gebraucht.

Die Gottlosigkeit des Capitals, das den Arbeiter als Arbeitskraft und Maschine bis zur Zerstörung ausnützt, muß gebrochen werden. Sie ist ein Verbrechen am Arbeiterstande und eine Entwürdigung desselben. Sie paßt nur zur Theorie jener Menschen, die unsere Abstammung vom Affen ableiten. …

Vor seiner Ausbildung zum Priester hatte Ketteler Rechts- und Staatswissenschaften (damit auch Wirtschaftswissenschaften) studiert. Davon war seine klare, völlig unromantische Sicht auf die Verhältnisse, in denen Arbeiter lebten, geprägt.

Die Arbeitgeber stehen auf dem Weltmarkte und fragen: Wer will die Arbeit thun für den geringsten Lohn? und die Arbeiter überbieten sich als Mindestfordernde nach dem Maße ihrer Noth. Daher kommt es denn, daß endlich, wie bei der Waare, ab und zu auch jener schreckliche Zustand eintritt, wo diese Menschenwaare unter ihrem Productionspreis ausgeboten wird, d.h. aber für Menschen und in menschliche Sprache übersetzt, wo der arme Arbeiter aus Noth im Angebote des Lohnes unter das Maß der alleräußersten Lebensbedürfnisse für sich und seine Familie herabgehen muß. Das führt dann zuletzt natürlich für ihn und die Seinigen zur Entbehrung des Nothwendigsten an Nahrung, Kleidung und Wohnung, das er sich für diesen Lohn eintauschen muß. Die Entbehrung deses Nothwendigsten – auch nur für wenige Tage – ist aber ein Wort voll Jammer und Elend.

Es ist keine Täuschung darüber mehr möglich, daß die ganze materielle Existenz fast des ganzen Arbeiterstandes, also des weitaus größten Theiles der Menschen in den modernen Staaten, die Existenz ihrer Familien, die tägliche Frage um das nothwendige Brod für Mann, Frau und Kinder, allen Schwankungen des Marktes und des Waarenpreises ausgesetzt ist. Ich kenne nichts Beklagenswertheres als diese Thatsache. Welche Empfindungen muß das in diesen armen Menschen hervorrufen, die mit Allem, was sie nöthig haben und was sie lieben, täglich an die Zufälligkeiten des Marktpreises angewiesen sind! Das ist der Sklavenmarkt unsers liberalen Europa’s, zugeschnitten nach dem Muster unsers humanen, aufgeklärten, antichristlichen Liberalismus und Freimaurerthums.

In Mülhausen im Elsaß war in den Jahren 1823 bis 1834 die Sterblichkeit unter den Kindern der Weber und Spinner im ersten Lebensjahre gerade noch einmal so groß, als unter den Kindern der Fabrikherren und Kaufleute. Die Hälfte der Kinder der genannten Arbeiter starb, bevor sie noch das erste Jahr zurückgelegt hatten. Von 100 Fabrikherren und Kaufleuten erreichten 32 ein Lebensalter von mehr als 50 Jahren, während von 100 Webern nur 8 und von 100 Spinnern gar nur 3 über 50 Jahre alt wurden. In einer englischen Fabrikstadt betrug die mittlere Lebensdauer vor dem Aufkommen der Fabriken 31 2/3 Jahre, nach Einführung der Fabrikarbeit ist sie auf 19 1/2 Jahre herabgesunken. … In Deutschland sind wir noch nicht so weit, wie in England. Die Cigarrenmacher in Berlin erreichen noch durchschnittlich eine Lebensdauer von 30 Jahren, während in England die mittlere Lebensdauer dieser Stände in einigen Städten schon bis auf 15 Jahre herabgekommen ist. …
Das erste Hilfsmittel, welches die Kirche dem Arbeiterstande auch fortan bieten wird, ist die Gründung und Leitung der Anstalten für den arbeitsunfähigen Arbeiter.

Der gesammte arbeitsunfähig gewordene und auf fremde Hilfe angewiesene Arbeiterstand verdankt … dem Christenthum, dessen Segnungen er selbst oft nicht mehr erkennt, alle die Hilfe, die er in den zahlreichen Zufluchtsstätten der Armuth, in den Krankenhäusern, in den Armenhäusern, in den Invalidenanstalten etc. findet. … Der hilflose Arbeiter hat noch nicht … die wahre Hilfe gefunden, wenn er in einer Anstalt Aufnahme findet, sondern es kömmt darauf an, daß er in ihr auch die rechte Pflege, die liebevolle Behandlung finde.

Ketteler, Die Arbeiterfrage und das Christenthum

Man muß Darwins Theorie nicht unbedingt ablehnen, um nachvollziehen zu können, daß Kapitalismus nicht menschlich ist, sondern den Nächsten zum Affen macht. Kettelers Scharfblick und sein menschenfreundlicher Einsatz kennzeichnen ihn als tüchtigen Diener jenes Herrn, mit dem er gemeinsam Geburtstag feiert.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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