Lebensrecht ist nicht niedlich!

Daß ich aus Gründen gegen jede Form der Euthanasie bin, dürfte Lesern dieses Weblogs bekannt sein.
Daß ich die vielfältige Bewegung der Lebensrechtler als Mitglied von KALEB und durch Teilnahme am Marsch für das Leben unterstütze – also der Leute, die sich für den unbedingten Schutz des Menschenlebens unabhängig von Alter, Gesundheitszustand und Lebensumständen einsetzen -, darf ebenfalls jeder wissen.

Nun sehe ich in den Reihen der Lebensschützer, und ganz besonders beim Marsch für das Leben – so wichtig ich ihn finde -, eine Art der Werbung, die ich zwiespältig finde. Es ist das Werben mit Niedlichkeit.
Wer die Bilder auf Aktionen zum Thema Lebensrecht sieht, gewinnt den Eindruck, als gebe es nur blühend gesunde Kinder und solche mit Down-Syndrom. Also nur die Niedlichen.

Aber alle Lebensrechtler sind sich einig darüber, daß Lebensrecht nicht vom Aussehen und nicht von möglichen Chancen im Leben abhängen darf, sondern absolut ist. Es gibt nun schwere Behinderungen, deren Träger überhaupt nicht niedlich und hübsch aussehen. Durch angeborene Behinderungen entstellte Menschen, Menschen, die ein so kleines Gehirn haben, daß sie nicht einmal annähernd so viel können wie ein Kind mit stark ausgeprägtem Down-Syndrom, Menschen, die ihr ganzes Leben lang sabbern und stinken werden – sie alle haben ein unbedingtes, unteilbares Recht auf Leben.

Das ist ein Problem, und Augenwischerei wäre, das zu leugnen. Je besser die Medizin wird, desto mehr Pflegefälle gibt es. Je besser die Überlebenschancen eines eigentlich chancenlosen Menschen werden, desto höher wird die Belastung seiner Eltern, seiner Nächsten, der Gesellschaft. Ich habe keine Lösung für dies Problem, und ich bezweifle, daß irgendjemand eine Lösung hat.

Nur eines ist sicher: Ganz gleich wie bedürftig, unschön, nervig, belastend, teuer und arbeitsintensiv ein Mensch ist, er hat ein Recht auf Leben – und eine Gesellschaft, die das nicht erkennt, ist in ihren Grundfesten grausam.

Mein Aufruf an die Lebensschützer, besonders an jene, die sich um die Werbung für das Leben, um Plakate und Filme und andere öffentliche Auftritte kümmern, ist: Gebt euch Mühe! Zeigt den unbedingten Wert des Lebens ohne Niedlichkeit! Zeigt, daß Menschenleben immer schützenswert ist – auch bei vollkommener Unfähigkeit und ohne jeden Anflug von herzigem Lächeln.

Hoch sollen sie leben, die Menschenkinder – auch die, bei deren Anblick selbst der entschiedenste Lebensschützer schaudert!

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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7 Antworten zu Lebensrecht ist nicht niedlich!

  1. jobo72 schreibt:

    Richtig. Wir – ich schließe mich als Lebensschützer da mit ein – gehen damit auf das morphologische Scheinargument ein, das den Menschen nicht ontologisch, sondern phänomenologisch definiert (nur so wird es überhaupt möglich, vom „Zellhaufen“ zu sprechen). Es kann aber nicht darum gehen, wie etwas *erscheint* (sei es auch noch so „niedlich“), wenn es doch darum geht, was etwas *ist*. – Weiterhin finde ich es falsch, utilitaristisch mit irgendeiner (möglichen) Bevölkerungsentwicklung zu argumentieren, so als sei das Kind in Europa schützenswert, das Kind in Indien aber nicht. Kurz: Jede Bedingung, die in die Argumentation pro vita einzieht, schwächt sie, ja, hebelt die Unbedingtheit des Lebensrechts aus. LG, JoBo

  2. Violine schreibt:

    Recht hast Du.
    Mir ist das auch schon aufgefallen mit den lieben, lächelnden, putzigen Kleinen. Weisst Du, in meiner alten Gemeinde ist eine dabei, die bei der Birke arbeitet (Schwangerenkonfliktberatung ohne Beratungsschein). Sie setzt sich ein, ihr ganzes Umfeld ist infiziert, sodass nicht nur sie sich dort engagiert – und deswegen stosse ich dauernd über die „nett“-Bilder dieses Vereins. Abgestossen hat es mich schon längst, realistischeres halte ich für um einiges sinnvoller.
    Das ist schon wieder eine Ausgrenzung an sich, nicht nur für das „hässliche“ Kind, sondern auch für die Eltern. Die sollten auch mit diesem Kind ihren guten Platz in der Gesellschaft haben/finden.

    • Braut des Lammes schreibt:

      Eine Frage ist natürlich, wir sprachen ja schon drüber, ob man Menschen mit solchen Nicht-Niedlich-Bildern und -Behinderungen an dieser Stelle nicht etwas überfordert. Wenn sich mir als dem zum Notfall gerufene Sanitäter der Schrecken darüber, daß eine solche Behinderung überhaupt möglich ist, nachdrücklich mitteilt, wenn die Eltern eindeutig überfordert waren, ist es vielleicht auch derjenige, der unvorbereitet mit der Bandbreite möglicher Mißbildungen in Berührung kommt.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Es gibt unter den Lebensschützern doch genug talentierte Werbefachleute, Designer, Photographen etc.; ich glaube zwar nicht, daß ich so etwas könnte, aber wir haben doch Leute, denen eine eindrückliche und dabei würdige, nicht voyeuristische Darstellung auch solcher Schwerbehinderter möglich ist.

  3. Ruth schreibt:

    Als jemand, der mit geistig und schwerst mehrfach behinderten Erwachsenen arbeitet, fällt mir das auch immer auf, dass unter dem Label „geistig behindert“ in der Öffentlichkeit fast nur „Down-Syndrom“ wahrgenommen wird. Aber das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass wir von der Lebensqualität des Individuums auf ein Lebensrecht schließen statt von dem Schöpfer-Gott her, der allein das Recht hat über Leben und Tod. Deswegen müssen wir dieses Lebensrecht dann „beweisen“, und das versuchen wir, indem wir zeigen: „Schau mal, die sind doch auch süß! Warum sollten die nicht leben?“ Damit verpassen wir genau den Hauptpunkt.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Gutes Argument! Wenn es an der individuellen Lebensqualität hinge, ob jemand mehr oder weniger Lebensrecht hat, hätte ein gesunder unzufriedener Mensch weniger Lebensrecht als ein vergnügter Behinderter, aber mehr als ein nur noch leidender Behinderter. Und im Falle eines schwer geistig Behinderten, der sich nicht verständlich äußern kann, müßte man zudem von außen beschließen, ob der wohl Lebenswillen hat oder nicht: eindeutig ein Wahnsinn.

  4. Pingback: Kann man um Unsichtbares trauern? | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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