Ein dichtender Kunsthistoriker

Karl_Woermann[1]

Vor 81 Jahren starb der vielgereiste Kunsthistoriker Karl Woermann. Nach väterlichem Willen hatte er Reeder werden sollen, studierte stattdessen Jura, gab aber später die Anwaltspraxis auf, um Kunstgeschichte zu studieren – und war 27jährig promovierter Kunsthistoriker mit Berufserfahrung als promovierter Jurist.
Als Direktor der Dresdener Gemäldegalerie sorgte er für zahlreiche Neuerwerbungen. Er schrieb übrigens nicht nur Bücher über Kunstgeschichte und nahm als erster auch Werke von Naturvölkern als kunstgeschichtlich relevant wahr. Er schrieb auch Gedichte, ein besonders schönes davon über Jacob Isaackszoon von Ruisdael, vielleicht angesichts dieses Bildes.

Ruisdael
I.
1682.

Von Dünen, Wäldern, Wasserfällen kann
Auch solch ein Priester der Natur nicht leben.
Den Todesengel sieht der sieche Mann
Mit düstrem Fittich schon ums Haupt sich schweben.

Die Amsterdamer haben längst ihn satt,
Sein Malen und sein Hungern und sein Borgen;
Sie schicken ihn nach seiner Vaterstadt,
Nach Haarlem, heim; dort mag man für ihn sorgen.

In Haarlem steht ein Armenmännerstift;
Dch lindert dies des grimmen Hungers Qualen
Nicht jedem, den es auf der Straße trifft;
Und Ruisdael kann das Eintrittsgeld nicht zahlen.

So muß er sterben denn auf freiem Feld?
Ei, Gott behüte! Reich sind Mennoniten:
Die Glaubensbrüder schicken ihm das Geld,
Um sich im Armenhause einzumieten.

Der Feuerblick, der die Natur verstand
Im Wehn des Zephirs und des Sturmgebrauses,
Der Blick bricht sterbend sich an kahler Wand,
Der weißgetünchten Wand des Armenhauses.

II.
1882
.

Ein Bild von Ruisdael! „Fünfzehntausend Mark!“
Wer bietet mehr? „Ich biete zwanzigtausend.
Es ist ein Prachtbild, Eichen, hoch und stark,
Beschatten einen Bergstrom, wild und brausend.“

„Was zwanzigtausend! Seht des Himmels Zelt,
Hier hellblau, hier von Wolken grau umwittert.
Seht, wie in diesem Stück begrenzter Welt
Des großen Weltgeists ew’ger Odem zittert.“

Wer bietet mehr? Die Kenner rings im Kreis,
Mit glühnden Augen sitzen sie und bieten.
Jetzt: „Fünfzigtausend!“ Dieses ist der Preis
Fürs Bild des armen toten Mennoniten.

Der Händler lächelt: „Wer hat die Natur
Wie er gesehn, wie er gemalt den Norden?
Hätt‘ ich die Hälfte seiner Bilder nur,
Ich wäre lange Millionär geworden.“

Die Hälfte nur! Mit allen, ach, erwarb
Er selbst nicht einmal seines Grabes Klause;
Die zahlten milde Seelen. Denn er starb,
Ach! Jakob Ruisdael starb im Armenhause.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Ein dichtender Kunsthistoriker

  1. Bettina schreibt:

    Hat dies auf laut und leise literatur lesen rebloggt und kommentierte:
    Herrlich, diese Rebloggen-Funktion, so kann man auf Beiträge anderer, die einem sehr liegen, auf dem eigenen Blog zeigen, wie diesen hier:

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