Zehn Diskussionsvorschläge

Auf Wegen, die ich lieber geheimhalten möchte, ist mir ein Dokument zugekommen. Basischristen, Wisiki-Christen und Kirche-von-unten-Christen wollen es dem Heiligen Vater / der Heiligen Mutter zur Diskussion vorlegen. Es handelt sich um eine zeitgemäße Neufassung des Dekalogs.

1. Ich bin der Herr / die Frau, dein Gott / deine Göttin und irgendwie größer als du. Ich glaube, es wär jetzt irgendwie gut, wenn du das mal anerkennen würdest und keinen anderen Götter / Göttinnen anbetest, aber wenn du wirklich nicht anders kannst wegen deiner Prägung, deiner Eltern oder deinem Umfeld, ist das schon auch OK.

2. Du solltest keine Bilder von mir machen. Erstmal geht das sowieso nicht wirklich, und dann, also Michelangelo hat ja, und das war schon ganz in Ordnung, aber so gut kannst du eh nicht malen, obwohl, wenn du es ehrlich versuchst, will ich mal nicht so sein.

3. Ich mag es nicht so, wenn man meinen Namen benutzt, ohne sich groß was dabei zu denken. Es wäre schön, wenn du nicht bei jeder Gelegenheit „Ogottogott“ sagst, also schränk das mal bitte etwas ein.

4. An Sonntagen und kirchlichen Feiertagen (also Weihnachten und Ostern und so) wäre es echt besser, wenn du mal halblang machst. Also mach an diesen Tagen einfach nicht so viel, außer es ist dir wirklich wichtig.

5. Zu Elter 1 und Elter 2 solltest du eher nett sein, auch dann, wenn sie dich gerade ziemlich nerven. Überhaupt sollte man ja zu allen nett sein.

6. Daß man nicht einfach jemanden umbringen darf, ist ja wohl klar. Wie gesagt, man soll eher nett sein zu andern, und Mord ist gar nicht nett.

7. Wenn du verheiratet bist, wäre es wirklich gut, wenn du deinem Partner / deiner Partnerin treu bist. Wenn du nicht verheiratet bist, solltest du besser nicht mit einem / einer Verheirateten Sex haben. Klar, sowas kann nach einer Party schon mal passieren, aber besser wär es schon, wenn du es einfach mal seinläßt.

8. Du solltest anderen nichts wegnehmen. Irgendwie ist zwar auch Eigentum Diebstahl, aber zurückklauen macht es ja nicht besser. Wenn du etwas aus dem Besitz eines / einer anderen nicht wirklich unbedingt brauchst, laß es ihm / ihr.

9. Du sollst eher nicht so viel unbewiesene Sachen über andere behaupten, wenigstens nicht über die direkten Nachbarn / Nachbarinnen.

10. Wenn andere was haben, was du gerne selber hättest, wäre es toll, wenn man dir nicht so anmerkt, wie scharf du drauf bist.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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15 Antworten zu Zehn Diskussionsvorschläge

  1. Iris schreibt:

    Sorry, Claudia, aber das geht ja gar nicht! Da sind so viele sexistische und diskriminierende Formulierungen drin – also echt!

    Das Masculinum ist völlig überflüssig und deshalb wegzulassen. Die bloße Erwähnung des Masculinums birgt die Gefahr, dass das Femininum übertönt und damit ignoriert und ausgelöscht wird, erst recht, wenn du das Masculinum auch noch voranstellst!
    Frauen wurden so lange von Männern unterdrückt und aus der Geschichte getilgt, dass die Tilgung des Masculinums aus Sprache und Schrift zwingend erforderlich ist.
    Frau könnte es gerade noch tolerieren, wenn du die weibliche Form *IMMER* und *UNTER ALLEN UMSTÄNDEN* voranstellst, damit die Nichtfrauen sehen, dass diese Gebote auch für sie gelten. Aber nur damit sie sich hinterher nicht rausreden können.

    Unter 5. steht Elter 1 und Elter 2, dabei ist eine eigestellte Zahl in jedem Fall eine Bevorzugung der einen vor der anderen. Geht gar nicht! Um Verwirrung vorzubeigen reicht die Einzahl. In Zukunft werden die meisten der noch geborenen Kinder sowieso irgendwann in Einelterfamilien mit gelegentlich wechselnder Elterpartnerin aufwachsen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Stimmt, da ist noch viel Potential! Ich bin froh, so aufmerksame Leserinnen zu haben, die diese Entwürfin so kompetent kritisieren.

      • cassandra_mmviii schreibt:

        verheiratet… da dankst du ganz klar in heteronormativen Restritionen. Da sollest du noch mal reflektieren und (selbstverständlich erst nachdem du selbständig reflektiert hat und ganz alleine zu genau diesem Ergebnis gekomen bist) das so formulieren:

        Wenn du in einer konsensualen Partnerschaft lebend bist, wäre es wirklich gut, wenn du deine/n/r_m Partner_in(nen) vorher in die Entscheidung, mit einer_m anderer_n Sex zu haben, einbeziehen könntest. Wenn du nicht verpertnert bist, solltest du besser nicht mit einer_m oder mehreren anderweitig Verpartnerten Sex haben. Klar, sowas kann nach einer Party schon mal passieren, aber besser wär es schon, wenn du es einfach mal sein läßt.

        Die Grammatik möchte sich betrinken, könnte jemand mal was holen? 🙂

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Großartig, solche Mitarbeiterinnen zu haben!
        Vielen Dank!

    • stefanolix schreibt:

      @Iris: Das wird in der Konsequenz darauf hinauslaufen, dass zwei unterschiedliche Gebotstexte ausgegeben werden müssen.

      Der neue Dekalog für Frauen & LSGBTTQ_* ist schon auf zwei iPads graviert. Alice Schwarzer hat ihn von der Göttin auf dem höchsten Berg der Schweiz erhalten, als sie gerade vom Tanz um das Goldene Kalb kam.

      Alice hat der Göttin bei dieser Gelegenheit klar und deutlich gesagt, dass sie für ihre Projekte deutlich mehr Segen erwarte. Es sei völlig inakzeptabel, dass sie ihre Interessen immer noch zu geringen Teilen mit Eigenmitteln finanzieren müsse.

      Deshalb hat die Göttin auf absehbare Zeit keine Ressourcen mehr übrig, um sich mit den Geboten für WHM zu befassen. Bis auf weiteres werden die WHM-Gebote im Bayenturm in Köln gemacht. Die Stadt Köln hat bereits eine Büro-Etage für den symbolischen Preis von einem Euro pro Quadratmeter ohne Nebenkosten bereitgestellt …

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Dank für diese überaus kenntnisreichen und ausführlichen Erläuterungen!
        🙂

      • stefanolix schreibt:

        Was ich noch sagen wollte: Beim Evangelischen Kirchentag in Dresden konnte man oft den Eindruck gewinnen, dass einige der »Diskussionsvorschläge« oder »Empfehlungen« schon so (oder ähnlich) gelten.

      • cassandra_mmviii schreibt:

        „Deshalb hat die Göttin auf absehbare Zeit keine Ressourcen mehr übrig, um sich mit den Geboten für WHM zu befassen“- Glück gehabt! Ihr könnt bei den alten 10 bleiben. Manchmal ist es gar nicht so schlecht, vergessen zu werden 🙂

  2. Eugenie Roth schreibt:

    … und überhaupt ist das alles noch VIEL zu scharf formuliert. Z. B. bei Punkt 6 könnte es doch einfach heißen, dass man daran denken soll, dass andere auch gerne leben.

  3. Damian schreibt:

    Bitte, was ist WHM? Etwa Weiblich-Hetero-Männlich? Igitt!

  4. Hildesvin schreibt:

    Das 6.Verbot war bei uns Heiden so geregelt, daß ich es am Tage erledigen mußte, und bei Ermangelung von Zeugen, bis zum Sonnenuntergang den Totschlag kund machen mußte wider mich selbst. So war es keine Straftat, wie Mord, nur hatte man halt die Blutrache am Hacken …

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Da seh ich den Dekalog doch schon als Fortschritt an. 😉
      Wie ja überhaupt das Judentum die Blutrache aufgehoben hat, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ bedeutet: angemessene Ersatzleistung für angerichteten Schaden – nicht weniger und nicht mehr.

  5. Chiqitac schreibt:

    Hhhm, ich störe mich ja noch am „Ogottogott“ –
    gegendert müsste da sicherlich auch noch „Ogöttinogöttin“ mit aufgeführt werden…

    Hab geschmunzelt, danke!

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