Immer einsatzbereit: Das Gewissen

Gewissen wird im frühen christlich-abendländischen Denken (ausgehend von Paulus) als von Gott in den Menschen eingestiftete Erkenntnis des Naturrechts verstanden, welches allen Menschen gegeben ist … und das … nicht soweit korrumpiert werden konnte, dass es nicht mehr einsatzbereit wäre.
S. 108f.

In seinem Buch Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt erklärt der Philosoph und Blogger Josef Bordat ein schwieriges Thema in klarer Sprache so einfach, wie es eben geht – ohne jemals zu verflachen. Das Buch ist keine leichte Kost; man tut gut, sich Zeit dafür zu nehmen und sollte bereit sein, einzelne Absätze mehrmals zu lesen.

An Antigone, Martin Luther und Sophie Scholl beschreibt er anfangs, warum Gewissen unbedingt bindend ist, wenn es überhaupt sein soll – Gewissen ist überhaupt nur denkbar, wenn es Konsequenzen hat, die sich in jedem Fall gegen eine allgemein akzeptierte Ordnung wenden. (Zwar hat jeder Mensch grundsätzlich ein Gewissen, aber seine Anwendung findet keinesfalls immer statt.)

Die Entwicklung des Gewissensbegriffs über die Jahrhunderte im Judentum und im Christentum führt der Autor sorgfältig aus, ohne langatmig zu werden. Zwei Dinge sind dabei von besonderer Wichtigkeit: 1. Es gibt keine vollkommen scharfe Definition von Gewissen, zudem kann eine Gewissensentscheidung auch falsch sein (irrendes Gewissen) – und trotzdem ist es evident, daß es Gewissen gibt und geben muß. 2. Gewissen ist ohne Gottesbezug nicht denkbar – auch wenn die Gottesvorstellung nicht genauer ist als „irgendetwas Höheres“ oder „es muß etwas Letztgültiges geben“. Für die Existenz von Gewissen läßt sich kein anderer einleuchtender Grund finden als Gott.

Freiheit und Bindung des Gewissens in der katholischen Morallehre beschreibt Bordat in einem Bild, das mir bei meiner Begeisterung für schöne Kirchen unmittelbar einleuchtet:

Dem Menschen bleibt Raum, den die Kirche eingedenk der Pläne des Architekten und der Lage des ganzen Gebäudes bemessen hat. Wenn sich der Mensch mal in der Tür irrt, um Räume zu öffnen, die ihm nicht zugedacht sind, dann nicht, weil der Plan missverständlich oder gar fehlerhaft wäre, sondern weil der Mensch sich nicht genügend bemüht hat, ihn zu lesen und zu verstehen und auch, weil er die Erläuterungen und Deutungshilfen der Kirche übersah, die als langjährige Hausverwalterin über besondere Erfahrungen und Kenntnisse im Zusammenhang mit dem Gebäude verfügt.
S. 117

Person sein und Gewissen haben gehören für Bordat so eng zusammen, daß das eine ohne das andere gar nicht im Vollsinn sein kann – ein vollkommen gewissenloser Mensch ist nicht im Vollsinn Person (wenn auch selbstverständlich im Vollsinn Mensch), weil das von Verstand und Glauben geprägte Gewissen unverzichtbarer Teil der Persönlichkeit ist.

Eine gegen das eigene Gewissen gerichtete Handlung ist damit nicht nur gegenüber anderen schädlich, sondern auch selbstzerstörerisch und fügt dem Handelnden Verletzungen zu, die mit säkularen Mitteln nicht oder unzureichend geheilt werden können, eben weil die Quelle des Gewissens überweltlich ist. Bordat geht hier auf die sakramentale Lossprechung ein, die er (zu Recht!) als wirksames Heilmittel ansieht und als Chance zum Neubeginn.

Grundtenor des Buches ist die unter allen Umständen unzerstörbare Freiheit des Gewissens. Gerade wo Menschen vor der Wahl stehen, entweder ihrem Gewissen zu folgen und dadurch Nachteile (bis hin zum Tod) riskieren oder ihr Gewissen außer Acht zu lassen um ihres ungestörten Lebens willen, wird diese vollkommene Freiheit deutlich: Ein Mensch, der er selbst bleiben will, kann gar nicht anders als seinem Gewissen folgen trotz aller Nachteile, die er dadurch erleidet. Der Autor ist dabei nicht blauäugig und weist auch auf Dilemmata hin in Fällen, in denen es nur die Wahl zwischen verschiedenen schrecklichen Dingen gibt, die das Leben anderer betreffen. Aber auch wenn es Fälle geben kann, in denen das Gewissen durch jede mögliche Handlung belastet wird (z.B. bei Nothilfe durch Gewalt gegen einen Bedroher), und auch, wenn man das irrende Gewissen annimmt, ist eine Gewissensentscheidung immer frei. Keine erzwungene Entscheidung kann Sache des Gewissens sein.

Zuletzt beschreibt Bordat an einigen Zeitgenossen die Bedeutung von Gewissensentscheidungen heute und auch den wahrlich schändlichen Umgang mit Menschen, die heute in einem demokratischen Staat aus Gewissensgründen anders entscheiden, als von ihnen erwartet wird.

Gewissen ist unverzichtbar und unbequem, und die Kirche ist die Instanz, die mit diesem schwierigen Sachverhalt am vernünftigsten und zugleich am liebevollsten und gewissenhaftesten umgeht.

Ich empfehle das Buch jedem, der sich für Grundfragen der Philosophie und klaren Verstand interessiert – und ein bißchen Zeit hat.

Josef Bordat, Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt, 254 S., Lepanto Verlag, ISBN 978-3-942605-07-6

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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12 Antworten zu Immer einsatzbereit: Das Gewissen

  1. jobo72 schreibt:

    Ja, vielen herzlichen Dank für die schöne Besprechung, liebe Claudia! Du hast mein Anliegen so gut erkannt, dass Du in der Lage bist, die richtigen Zuspitzungen vorzunehmen: „Gewissen ist unverzichtbar und unbequem, und die Kirche ist die Instanz, die mit diesem schwierigen Sachverhalt am vernünftigsten und zugleich am liebevollsten und gewissenhaftesten umgeht.“ Das ist meine These und im Grunde auch schon eine treffende Kurzfassung des Buchs. Ganz großartig!

    LG, Josef

  2. Brettenbacher schreibt:

    Wer singt endlich das Lob des Querpasses ?!
    Den schönsten Anlaß fänden wir hier !
    (ein Fußballer wiollte auch mal zu Wort kommen. „Widerspiel“ wär‘ freilich schöner)

  3. payoli schreibt:

    ‚Gewissen‘ ist für mich eines dieser typischen menschlichen Feigenblättern.
    Denn warum bitte, führen ‚dumme‘ und gottlose Tiere keine so bestialischen Kriege, morden und foltern nicht, während Menschen mit all ihren Religionen, gelehrten Ethik- Werken, mit ihrem hochgelobten Gott und Gewissen das immer schon taten und vermutlich weiter tun werden?
    In diesem Sinne:
    paradise your life ! 😉

    • jobo72 schreibt:

      Naja, ich glaube, dass genau anders herum ein Schuh draus wird: Der Mensch ist das einzige Wesen, das qua Vernunft im moralischen Sinne frei ist, sich für eine Handlung zu entscheiden (streng genommen ist der Mensch ohnehin das einzige Wesen, dass „handelt“ im Sinne zweckbezüglichen, komplexen Tuns). Ihre Beispiele (Krieg etwa oder auch Folter) sind ja Handlungen, von denen jeder Mensch (vor seinem Gewissen) weiß, dass sie nicht um ihrer selbst willen gut sind, sondern von denen er annimmt, sie seien in bestimmten Fällen zur Erreichung eines guten Zwecks ein zulässiges Mittel (ob sie das tatsächlich sind, will ich jetzt nicht diskutieren – sowohl die Bloginhaberin als auch ich selbst haben dazu einschlägig publiziert).

      Es ist klar, dass nur ein vernunftbegabtes Wesen so denken kann (das heißt: überhaupt denken kann). Ein Tier (und auch Menschen unter drei Jahren) sind dazu nicht in der Lage. Die können nur Reiz-Reaktion (Hunger-Essen, Schmerz-Schrei etc.). Der vernünftige Mensch kann aber mehr: Er kann zweckhaft reagieren, Absichten folgen, ja, er kann sogar über seine Absichten täuschen oder Wünsche zweiter Ordnung entwickeln (sich also z.B. wünschen, hungrig zu sein, um wieder essen zu können). Das nennt man zusammengefasst „Freiheit“. Der Mensch unterliegt dieser Kontingenzbedingung, ob er will oder nicht – und er kann diesen Raum der Freiheit zum Guten wie auch zum Bösen nutzen.

      So, und jetzt kommt der Punkt, wo unsere Ansichten exakt gegenüberstehen. Sie sagen (wenn ich sie richtig verstehe): Das Gewissen ist deswegen wertlos. Ich sage: Das Gewissen ist deswegen wertvoll, ja, unerlässlich. Was sonst sollte uns – eingedenk der Bedingungen Vernunft und Freiheit – zum Guten leiten, wenn nicht eine mahnende Stimme, die uns den Weg aufzeigt, aber nicht aufzwingt? Denn das – der Zwang zum Guten – wäre im wahren Sinne des Wortes „unmenschlich“. Im übrigen ist das erzwungene Gute nicht das moralisch Gute. Man muss eine Alternative haben, um wirklich moralisch gut handeln zu können. Wir Menschen erkennen Alternativen (meistens). Es kommt darauf an, die richtige zu wählen. Ich sage: Das Gewissen hilft bei der Auswahl.

      In diesem Sinne:
      Read my book! 😉

      LG, Ihr JoBo

      • payoli schreibt:

        a) Bei dieser unüberschaubaren Menge an Katastrophen die mensch bereits verursacht hat, von ‚VERNUNFT-BEGABT‘ zu sprechen ist wohl ein Scherz.

        b) Dass Tiere ausschließlich nach dem Reiz- Reaktions- Modell handeln ist schlicht ein Unsinn. Tiere handeln intuitiv. Das heißt, man könnte es sogar umkehren und sagen: ‚Wir Menschen sind die Lehrlinge der Evolution, die noch über jeden Furz nachdenken müssen. Während Tiere bereits intuitiv richtig entscheiden. Denn Intuition ist nichts anderes als ‚unser Gefühl‘ und bildet sich durch wiederholtes Denken bzw. Lernen.‘

        c) Auch Menschen ‚ticken‘ nach dem Reiz- Reaktions- Modell bzw. Kleinhirn- gesteuert

        d) Das Gewissen ist deshalb ‚wertlos‘, weil es a) beliebig sozialisiert werden kann und b) schon zu oft versagt hat, um auch nur irgendeine ernstzunehmende Rolle für die Hinleitung ‚zum Guten‘ beanspruchen zu können.

        Liebe Grüße und paradise your life ! 😉

        PS: Der Unterschied unser beider ;-)- Abschiedsfloskeln ist leicht mit Einsteins ‚Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind‘ (was Du noch immer – offensichtlich auch mit Buch – versuchst) erklärt.

      • jobo72 schreibt:

        Ich stelle fest, dass wir doch auf sehr unterschiedlichen Ebenen argumentieren und schon Grundbegriffe ganz anders verwenden. Das auseinanderzulegen, ist mir jetzt zu zeitaufwändig. Alles Gute für Sie! LG, JoBo

  4. jobo72 schreibt:

    Nachwort: Mir fällt auf, dass die Freiheit des Handelns im Ideal-Gewissen mit dem Mandat der inneren Stimme konvergiert, so dass also schon ein Zwang besteht, der aber kein physischer ist, sondern im Grenzfall nur so wirkt wie ein physischer. JoBo

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Bei all dem postulierten Edelmut der Tierwelt muß ich zwanghaft an Schlupfwespen denken. Und daran, daß eine Ente, von deren fünf süßen kleinen Entenküken, die hinter ihr herschwimmen, eines vom Hecht geholt wird, sich keine Sekunde darum schert.
    Im übrigen bauen Tiere keine Krankenhäuser und schreiben keine Symphonien. Sonette auch nicht. Und ganz, ganz übel: Sie haben kein Internet.

  6. Biggi schreibt:

    Was payoli da oben schreibt, ist ein hervorragender Beleg für die Behauptung, dass Ideologie den Verstand vernebelt. Und das sage ich auf der Basis von soliden Kenntnissen der Biologie (hab ich studiert) und dort speziell der Verhaltensforschung. – Und, Claudia, deinem ironischen Kommentar stimme ich ganz und gar zu. Dass Jobo keine Lust hat, auf diesem Niveau weiter zu diskutieren, kann ich bestens verstehen.

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