Reminiscere

Karl von Gerok
Frühlingsglaube
Klagl. 3, 22.
Die Güte des Herrn ists, dass wir nicht gar aus sind, und seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.

Und schau ich Gottes Bild im Frühlingslicht,
Wenn junges Grün erglänzt auf allen Triften,
Wenn Blütenschnee aus dürren Ästen bricht,
Und Lustgesang ertönt in blauen Lüften,
Dann hoff ich wieder und noch glaub ich nicht
An die Erfüllung schon der letzten Schriften,
Wo krachend unsre sündenmorsche Welt
In Flammen des Gerichts zusammenfällt.

Dann säuselts wie ein himmlisches Erbarmen
Mich tröstlich an im lauen Frühlingswind;
Dann lächelt, wie gewiegt in Mutterarmen,
Die Erde mir, ein neugebornes Kind:
Ich seh den alten Feigenbaum erwarmen
Im Sonnenschein, den gnädig und gelind
Ihm noch dies Jahr vergönnt die ewge Liebe,
Ob er nicht Blüten doch und Früchte triebe? –

Und schau ich in ein Kinderangesicht,
Die offne Stirn, die herzlichtreuen Augen,
Aus denen keck der Mut der Unschuld spricht,
Die frisch den Glanz der Schöpfung in sich saugen,
Dann hoff‘ ich wieder und noch glaub ich nicht,
Dass gar nichts mehr die Menschheit solle taugen,
Dass sie schon dürres Holz, zu nichts mehr gut,
Als um zu brennen in der ew’gen Glut.

Dann freu ich mich: noch ist nicht ganz verloren
Des Schöpfers Bild in dieser Sünderwelt,
Noch werden Kinder unsrem Gott geboren,
Wie frischer Tau auf morgenrotem Feld;
Wer weiß, wozu dies Kindlein sei erkoren?
Obs ein Prophet vielleicht, ein Zukunftsheld,
Denn Gottes Geist will noch in viel Gestalten
Die Fülle seiner Herrlichkeit entfalten.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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