Samstag der dritten Fastenwoche

Karl von Gerok
Der neue Thomas
Joh. 20, 25.
Da sagten die andern Jünger zu ihm: wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei denn, daß ich in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meine Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, will ich es nicht glauben.

Hält‘ ich dich auf Galiläa’s Auen,
Wo der Jordan unter Palmen floß,
Anf der Bergeskanzel dürfen schauen,
Wo dein Mund zur Predigt sich erschloß:
Oder wo die gläubige Gemeine
Um den Kahn am See Tiberias,
Sanft beglänzt vom goldnen Morgenscheine,
Horchend dir zu Füßen saß;

Hätt‘ ich dort in stiller Mittagsstunde,
Als die Saat im Winde leis gerauscht,
Dem Prophetenwort aus deinem Munde
Mit der Samariterin gelauscht;
Oder war‘ ich nachts zu dir gekommen,
Hätte beim verschwieg’nen Lampenlicht
Mit des Nikodemus Ohr vernommen,
Meister, deinen Unterricht;

Hält‘ ich bei Verlor’nen und Verirrten,
Menschenfreund, dein Liebeswort gehört,
Wie vom Sämann und vom guten Hirten
Und vom großen Vater du gelehrt;
Oder hätt‘ ich im geweihten Saale
Dort mit dir im Jüngerkreis geweilt,
Als du noch beim letzten Abendmahle
Segnend Brot und Wein verteilt; —

Herrlicher, bei deiner Stimme Tone
Hätt‘ auch mir mein selig Herz gebrannt;
Heiliger, im schlichten Menschensohne
Hätt‘ auch ich das Licht der Welt erkannt;
Spräche froh: ich weiß an wen ich glaube,
Herr, wohin verlohnt’s von dir zu gehn?
Keinem Zweifel gäb‘ ich mehr zum Raube,
Was mein Auge selbst gesehn!

Aber ach! wo soll ich dich erfragen,
Bei den Schriftgelehrten dieser Zeit?
Komm und siehe! hör‘ ich jeden sagen,
Und doch stehn sie mit sich selbst im Streit;
Jeder heißt auf seiner Spur mich gehen,
Jeder preist mir seinen eig’nen Christ,
Jeder zeigt mir wie er dich gesehen,
Keiner wie du selber bist!

Herrlich hat Johannes dich verkläret,
Doch zu hoch geht mir sein Adlerflug;
Was der Mann aus Tarsus von dir lehret,
Zeigt mir ihn, — nicht aber dich genug;
Nicht wie Lukas Griffel dich beschrieben,
Dich der Pinsel Rafaels gemalt, —
Sehen möcht‘ ich dich, verehren, lieben
In ureigener Gestalt.

O vergieb, vergieb, du Fürst der Wahrheit,
Einem Zweifler, der die Wahrheit sucht;
Zeig dich mir in deiner stillen Klarheit,
Hast ja deinem Thomas nicht geflucht;
Leg mir selbst die Hand in deine Wunde,
Deute mir dem Evangelium,
Lehre mich aus deinem eig’nen Munde,
Jesu Christ, dein Christentum!

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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