Grabesruhe

Alfons Petzold
Gott duldet in mir

Tag und Nacht lauscht er in mir nach einem Ruf der Liebe
aus meinem Herzen,
umspäht meine Hände nach einer Handlung der Güte.
Mit dem grindigen Bettler steht er vor dem Tore,
taumelt an der Seite des Betrunkenen an mir vorbei.
In den Augen der syphilitischen Dirne
wacht angstvoll auf mein Tun sein Blick.
Denn mein Abscheu, mein Ekel und meine Verachtung
rollen aus meinem Blute in seines und dann durch alle Dinge und Wesen. –
Meine bösen Worte der Abweisung, des Zornes und Schimpfes
sind Feuerpfeile in sein Herz;
doch wie von ihm selbst geschleudert.
Manchmal sehe ich ihn im Rahmen eines Traumes
vor mir stehn.
Wehevoll zittern seine Lippen
und aus den ehernen Falten seines Gesichtes
fallen blutige Tränen.
Dann braust im gewaltigen Schmerz die Welt um mich auf
und mein Herz schreit, schreit durch die Nacht:
Gott duldet in mir!

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.