Muttertag

Wir haben den Muttertag nie begangen. Meine Eltern fanden diese Einrichtung kitschig, und wir fanden alle, Mutter ist die Mutter ja an 365 Tagen im Jahr, und etwas Schönes schenken, etwas Freundliches tun kann man immer.
Heute aber erinnere ich an meine Mutter und auch an meinen Vater, ohne den sie schließlich nicht meine Mutter geworden wäre – und mit dem sie eine lange und glückliche Ehe geführt hat.

Vor vielen Jahren schenkte ich Vater und Mutter meine Übersetzung eines Gedichtes des französischen Romantikers Jean Richepin.

aus dem Zyklus Meine Paradiese

Ich kenne zwei Alte, die sagen, „Ich liebe dich“, heute
so wie in den Tagen der singenden Jugend des Frühlings:
Ihr Leben ist über dies schlichte Motiv eine Fuge.
Sie konnten dies Thema wohl hundertmal variieren
mit himmlischen Flöten und schmetternden Hörnern der Orgel,
und gingen durch Dur und durch Moll und durch allerlei Rhythmen.
Die Noten des Frühlings sind immer von Neuem erklungen.
Zwar ist das Allegro der Küsse vorbei und vergangen…
es klingt das Andante mit letzten Modulationen!
Doch wieder erklingt das Motiv in Akkorden des Friedens.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

Nach dem Tod meiner Mutter schrieb ich dies:

hortus conclusus

in einem Garten, umfriedet
von überschaubaren Ziegeln,
lagert sie ungezwungen
mit einem Buch, im Sessel,
lächelnd, und schaut zuweilen
über die Seiten ins Grüne.
Rotkehlchen und Akeleien
leisten ihr freundlich Gesellschaft,
ungestört blühend und singend.

© Claudia Sperlich

Ich denke gern an sie – an meine beiden Eltern.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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