Ich bewerbe mich mal wieder!

Jetzt aber richtig. Man muß ja dort arbeiten, wo die Qualifikation, die man eventuell hätte, hinpasst.

An das nächstbeste Jobcenter

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich interessiere mich für die Arbeit als Fallmanager im Jobcenter.

Eine fertige Ausbildung habe ich nicht, wie Sie in Ihrem Computer nachprüfen können. Meine Angabe, daß ich gerne Grünanlagen in Ordnung halten würde, wurde von Ihnen quittiert mit der Aussage, daß das zuständige Amt nur Männer einstellt. Die drei Frauen, die hier in der Nähe mit Fleiß und Sorgfalt den Volkspark Schöneberg in Ordnung halten, sagten auf meine Frage, Ihre Einschätzung sei falsch, wobei sie ein weniger sachliches Wort benutzten.
Als ich mich für einen als Maßnahme anerkannten 240-Stunden-Kurs für pflegerische Arbeiten beim DRK angemeldet hatte und um die Finanzierung bat, wurde mir deutlich gemacht, daß dies nicht finanziert würde, da ich – trotz meiner dem Jobcenter bekannten Erfahrung durch ein Jahr Arbeit in einem Pflegeheim – ohnehin keine Chancen habe, eine Arbeit in der Pflege zu bekommen. Auf mein irritiertes Nachfragen wurde mir erklärt, es werden nur Fachkräfte gesucht. Alle Pflegedienstleiter, denen ich dies sagte, machten daraufhin nicht zitierfähige Bemerkungen über das Jobcenter.

Meine überprüfbaren Angaben, daß ich trotz fehlender Ausbildung Lateinübersetzerin bin, die deutsche Sprache hervorragend beherrsche, Englisch und Französisch gut spreche und schreibe, in Textverarbeitung sicher und geübt und zu Hilfsarbeiten pflegerischer und gärtnerischer Art bereit und fähig bin, wurden bislang ignoriert.

In allem, was die Arbeit im Jobcenter betrifft, bin ich tatsächlich vollständig inkompetent. Das ist meiner Erfahrung nach eine hervorragende Voraussetzung, um im Jobcenter Fallmanager zu werden. Daher bewerbe ich mich um eine Stelle als Fallmanager mit besonderem Augenmerk auf die Vermittlung arbeitssuchender Kernphysiker.

Mit freundlichen Grüßen
Claudia Sperlich

Und irgendwann haben die mich so weit, daß ich diese Bewerbung tatsächlich abschicke. Per Einschreiben mit Rückschein.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Ich bewerbe mich mal wieder!

  1. isa schreibt:

    Einige Jobcenter suchen derzeit Fallmanager zur Arbeitsvermittlung. Nur dein Profil passt nicht so ganz. Aber „die Fähigkeit, rechtlich komplexe Sachverhalte bürgerfreundlich und präzise zu kommunizieren und schriftlich darzustellen“ hast du mit Sicherheit. Außerdem erwartet man „hohe Belastbarkeit und die Fähigkeit, sich auf wechselnde Situationen einzustellen“. Und die Sozialgesetzbücher (insbesondere II, III, X und I) solltest du ebenfalls sicher unterm Arm (und nur dort) jonglieren können 😉 Leider dürftest du nicht arbeiten wie du es für angemessen und richtig hältst. Denn bevor das Jobcenter seinen Ruf verliert, wird es seine übereifrigen Mitarbeiter verlieren. Schon deshalb gibt es immer genügend freie Stellen in der Arbeitsvermittlung der Jobcenter. Kaum jemand ist dort gegen Burnout versichert. Vielleicht heißt es deshalb Fall-Managerin? Ich bin sicher, an dir könnten sie sich die Zähne ausbeißen!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich fürchte, eine Arbeitsbeziehung zwischen dem Jobcenter und mir wäre ziemlich bald aufgrund unüberwindlicher gegenseitiger Abneigung beendet – wenn das Jobcenter überhaupt darauf käme, mich einzustellen, was ich von vornherein bezweifle.

  2. Susanne schreibt:

    Deine Bewerbung ist vermutlich hier am besten aufgehoben …… Das Jobcenter wird ihren literarischen und politischen Wert (Realsatire, offensiv und traurig) kaum würdigen können, weshalb du dich nicht damit angreifbar machen solltest. PS: Um wieviel Geld ging es denn bei der Finanzierung des 240-Stunden-Kurses beim DRK?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Der Kurs – der mir hoffentlich doch noch finanziert wird, ich kümmere mich weiterhin darum – kostet etwa 500 Euro. Wenn man dagegen rechnet, was mein Erhalt kostet, wenn ich mich nicht für den Arbeitsmarkt qualifiziere, sollte man recht schnell merken, daß das recht günstig ist.

  3. Braut des Lammes schreibt:

    Vor langer Zeit einmal habe ich eine Umschulung beantragt (damals hieß das noch Arbeitsamt). Der zuständige Sachbearbeiter wollte mich zuerst abspeisen, ich könnte doch auch eine Prüfung bei der IHK ablegen und sei dann immerhin dieses und jenes (weitaus weniger Qualifiziertes). Eine Bekannte riet mir schließlich: „Frag ihn doch mal, ob er das seiner Tochter auch empfehlen würde!“ Das hat es dann gebracht, er bewilligte. Ansonsten im Umgang mit Behörden, Kassen und abschlägigen Bescheiden: immer widersprechen.

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