Vereinsregeln

Angenommen, ein Verein von Kleingärtnern hat in seiner Satzung verankert, daß Neuweltpflanzen von Vereinsmitgliedern weder angebaut noch erworben werden dürfen. Ferner läßt die Satzung hier keine Änderung zu, da zu den vorrangigen Zielen des Vereins der Schutz der heimischen Flora vor neuweltlichen Einflüssen zählt.
Nun trete ich diesem Verein bei, obwohl ich leidenschaftlich gerne Kartoffelgratin und Tomatensalat verzehre. Privat beschließe ich, die Vereinssatzung gilt nur außerhalb meiner vier Wände, und lege in meinem Wohnzimmer ein Gewächshaus für Kartoffeln und Tomaten an.
Der Vorsitzende des Vereins hört davon, überzeugt sich davon und stellt mich freundlich zur Rede. Er legt mir ans Herz, die Ernte zu kompostieren, und macht mich auf zahlreiche Möglichkeiten aufmerksam, altweltliches Gemüse zu ziehen und zuzubereiten.
Ich lade Vereinsmitglieder ein zu Bratkartoffeln und Schmortomaten, propagiere, man müsse hinsichtlich Nachtschattengewächsen eine Ausnahme von der ohnehin viel zu strengen Regel des Vereins machen.
Der Vorsitzende mahnt mich nochmals, schickt mir ein ausgezeichnetes Rezept mit Möhren und Äpfeln und weist mich darauf hin, daß ein Vereinsmitglied den Zielen des Vereins nicht entgegenwirken darf.
Ich lade die auf meine Seite gezogenen Vereinsmitglieder zu Kartoffelchips und Cherrytomaten ein und erkläre, nur so könne man die Vereinsziele wirklich erreichen.
Der Vorsitzende verbietet mir, die für Vereinsmitglieder vorgesehenen Vorteile zu nutzen, entbindet mich aller Ämter, erlaubt mir aber weiterhin, die Vereinsgebäude zu betreten und stellt mir in Aussicht, mich sofort wieder als Vollmitglied aufzunehmen, wenn ich mich von Kartoffeln, Tomaten und sonstigen neuweltlichen Pflanzen trenne und auch sonst mich an die Satzung halte.

Ich habe in einem solchen Fall keinen Grund, jemand anders als mir selbst Vorwürfe zu machen.

Und auch, wenn es nicht um Neuweltgemüse geht und nicht um Kleingärtner, sondern um eine edlere Sache und eine größere Organisation, bleibt das Prinzip gleich: Entweder man unterstützt die Vereinssatzung, oder man versucht sie im Plenum (und nicht hinterrücks) zu ändern, und wenn das nicht geht, überlegt man ganz genau, ob man in dem Verein bleiben will oder nicht, und handelt danach.

Aber Eucharistie simulieren und dann beleidigte Leberwurst sein, wenn der Verein nicht mitspielt – das geht wirklich nicht.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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