Warum helfen?

Teil des Kurses in Basispflege sind einige Stunden Belehrung über Erste Hilfe. Das ist gut und lehrreich, und ich bin froh, meine über die Jahre sehr lückenhaft gewordenen Kenntnisse aufgefrischt zu haben.
Gestört hat mich aber die Haltung, die hier immer wieder vermittelt wurde: Man leistet Erste Hilfe, weil man sich sonst strafbar macht. Man nimmt dem Bewußtlosen die Brille ab und bringt sie in Sicherheit, damit man nicht eine kaputte Brille bezahlen muß. Man hält auf einer einsamen Landstraße nicht unbedingt an, wenn man einen Unfallwagen sieht, weil es ja eine Falle sein könnte und das angebliche Unfallopfer einen ja totschlagen könnte. (Notruf ist natürlich verpflichtend.) Man faßt einen bewußtlosen Fixer nicht an, wenn man keine Handschuhe bei sich hat, weil man sich ja mit irgendetwas anstecken könnte. So ging das die ganze Zeit!

Ich habe mehrmals im Leben Erste Hilfe geleistet – und nie eine Sekunde daran gedacht, daß ich mich sonst strafbar mache, sondern nur daran, daß hier ein Mensch dringend Hilfe braucht. Sollte ich je einem bewußtlosen Brillenträger helfen müssen, werde ich seine Brille sicher weglegen, damit er eine heile Brille hat, wenn er aufwacht – und nicht, damit ich keinen Ärger bekomme.

Ich werde weiterhin Äpfel essen, obwohl Würmer darin sein können. Ich werde weiterhin mit Menschen kommunizieren, obwohl sie vielleicht Betrüger sind. Und ich bin weiterhin zur Ersten Hilfe bereit, obwohl ein Schwerverletzter auch ein bewaffneter Wegelagerer sein könnte oder ein mit dem Noro-Virus infizierter Börsenmakler, der seine Frau verprügelt.

Helfen ist, wie alles andere im Leben auch, ein Risiko. Mir gegenüber sind schon viele Leute dies Risiko eingegangen.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Warum helfen?

  1. Heike Pohl schreibt:

    Ja, das nimmt in der Tat merkwürdige und immer merkwürdigere Züge an. Dabei bin ich überzeugt: Gerät man in eine solche Situation, dann hilft man intuitiv und aus Überzeugung und mit dem Herzen (wer denkt dann schon an Brillen und dieses oder jenes) oder man denkt. Und dann denkt man. Und in der Zwischenzeit sind da schon andere, die helfen, anstatt nachzudenken. Gefällt mir sehr, dass dir das auch so negativ aufgefallen ist 🙂

  2. Braut des Lammes schreibt:

    Seltsam. Ich habe früher Erste-Hilfe-Kurse und Soformaßnahmen am Unfallort abgehalten, diesen Haftungsaspekt aber nie ausgewalzt oder auch nur angeführt – wer Erste Hilfe leistet, haftet nicht, wenn er etwa eine Brille kaputtmacht oder dem Verunglückten nicht wirklich weiterhilft, sondern ihm in bester Absicht sogar noch Schaden zufügt.

    Von der persönlichen Ethik würde ich aber auch so herangehen, daß ich gar nicht nachdenke, helfe ich jetzt oder nicht?

Kommentare sind geschlossen.