Muriel und hundert andere

Vor sechzehn Jahren verunglückte ein Schnellzug in Eschede. In ihm saß meine damals fast fünfzehnjährige Nichte. Sie und hundert andere Menschen starben.
Ich hatte zu Muriel keine nahe Beziehung – sie interessierte sich schlichtweg nicht für ihre ferne Tante, und es ist nicht zielführend, eine Jugendliche so lange zu belagern, bis sie einen mag (also ließ ich es). Aber das änderte nichts an meinem Entsetzen über das Unglück und meinem Mitleid mit ihr, meinem Bruder und meiner Schwägerin.
Ursache war ein kaputtes Rad. Man hätte es merken können, es hatte sogar jemand etwas gemerkt, aber es war nichts unternommen worden. Wird schon gutgehen, hat man wohl gedacht. Ein menschlicher Fehler, der umso teurer wird, je schneller es gehen soll und kann. In einem Märchen der Brüder Grimm kostet dieser Fehler ein Pferd und viele Stunden Zeit. Mit fortschreitender Geschwindigkeit ist der Preis für leichtsinnige Unachtsamkeit höher geworden – viel höher.

Wer will sich von leichtsinniger Unachtsamkeit völlig freisprechen?

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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