Ein Buch vom Überleben

Der Malerpoet Joachim Grobe wurde 1920 geboren. 19jährig wurde er von der Wehrmacht eingezogen und landete in russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 entlassen wurde. Die Zeit seiner Gefangenschaft schildert er in dem Buch Chudoschnik. Eine Überlebenschance.

Grobe beschreibt seine Erlebnisse von der Gefangennahme im Kessel von Halbe bis zu seiner Freilassung in gut lesbarer, unsentimentaler Weise, sachlich wie eine Zeugenaussage und ohne einen Funken von Wehleidigkeit. Das läßt über kleinere stilistische Mängel hinwegsehen; es geht nicht um große Literatur, sondern um eine klare Aussage.

Als Chudoschnik (Künstler) konnte Grobe sich und anderen Gefangenen eine Art geistige und ästhetische Oase schaffen in dem von Hunger, Krankheit und Härte geprägten Lager. Kunstkopien und andere Auftragsbilder für russische Offiziere, Bühnenbilder für das kleine Theater, das die Gefangenen aufgebaut hatten, aber auch Einsätze als Anstreicher gehörten zu den Befehlen, die er auszuführen hatte, und schufen ihm zugleich Privilegien. Aber auch er litt unter den Folgen von Mangelernährung und Kälte und unter der immer wieder aufflammenden Grausamkeit. Überraschend menschenfreundliches Handeln russischer Soldaten schildert Grobe ebenso wie die wütende Aktion einer wachhabenden Frau (sie hatte die Kartoffeln der Häftlinge zertrampelt) – und seine eigene Scham darüber, daß er diese Frau laut und böse verfluchte.
Grobe schreibt nur andeutungsweise über Gefühle; Flöhe und Wanzen, Krankheit und Hunger und Gewalt beschreibt er fast ohne Schilderung von Befindlichkeiten. Der Leser darf sich selbst ausmalen, wie sich dies alles gleichzeitig anfühlt. Und gerade diese Sachlichkeit ist die Stärke des Buches; keine Sekunde argwöhnt man, es könne übertrieben oder ungenau sein. Selbst das wohl schrecklichste Erlebnis seiner Gefangenschaft beschreibt er fast ohne Pathos:

Als sie die Mitte des Lagerplatzes erreicht hatten, rief der Dolmetscher von Neuem: „Hört noch einmal gut zu! Das, was den beiden jetzt geschieht, wird jedem widerfahren, der einen Fluchtversuch wagen sollte!“
Wieder klatschte er in die Hände. Und die russischen Posten verschwanden mit den beiden Landsern hinter der mittleren Baracke. Es dauerte nicht lange, und wir hörten dumpfe Schläge und entsetzliche Schreie. Wie angewurzelt standen wir da, bis es plötzlich ganz ruhig wurde. Keiner von uns wagte ein Wort zu sagen, als die beiden noch sehr jungen Landser an den Füßen von den russischen Posten über den Platz geschleift wurden bis hin zur Sterbebaracke.

Die unerwartet glücklichen Momente, die es durchaus auch gab, schildert er etwas ausführlicher – so eine sehr zarte, spröde Liebesbeziehung zu einer jungen Russin und auch die immer wieder erlebte überraschende Großzügigkeit, mit der Russen den Gefangenen Essen zusteckten und kleine Gaunereien übersahen.

Ein Raum, also ein fünftes Zimmer, sollte … erst ganz zum Schluss in Angriff genommen werden. In diesem Zimmer befand sich nur ein großer Tisch, der mit einer Plane abgedeckt war. Hier sollten nur die Decke weiß getüncht und die Wände grün gestrichen werden.
Nachdem wir auch diese Arbeit erledigt hatten, stellte der Hausherr fünf Stühle um den Tisch. Er rief seine Frau, … und beide hoben vorsichtig die Plane vom Tisch.
Wir trauten unseren Augen nicht: Der Tisch war festlich gedeckt.
Jede Menge Köstlichkeiten waren da für uns aufgebaut: gebratenes Fleisch, Wurst, Schinken, Käse, saure Gurken, Kuchen und und und…

Noch vor dem Morgengrauen kam es zu einer herzlichen Verabschiedung. Dabei bedankten sich immer wieder Herr und Frau – nein, die Namen haben wir nie erfahren. …
Eins war uns klar, die wir an dieser Nacht-und-Nebel-Aktion teilgenommen hatten: Legal war sie nicht.

Nach dreijähriger Gefangenschaft wurde Joachim Grobe entlassen – und bekam von der Offizierin, die ihm den Entlassungsschein ausstellte, reichlich Geld für die Ölfarben, die er zurückließ.

Illustriert ist das Buch mit Zeichnungen, die er während der Gefangenschaft schuf – wobei natürlich der größte Teil der damals entstandenen Bilder irgendwo in russischem Privatbesitz und für den Künstler nicht mehr auffindbar ist – und Photos.

Chudoschnik. Eine Überlebenschance, 150 Seiten, Benedict Müller Verlag, ISBN13: 978-3-940131-11, 12,95 €.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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