Damaskus in den Alpen

Allen Lesern wünsche ich ein frohes, geistvolles, befeuerndes Pfingstfest!
Pfingsten feiere ich heuer zum einunddreißigsten Mal (das heißt: seit dreißig Jahren und fünfzig Tagen) als mehr denn einen netten freien Tag.

Erzogen wurde ich in einem religionsfernen, wenn auch vom Christentum selbstverständlich geprägten Weltbild, in dem Friede und Verzeihungsbereitschaft hohe Bedeutung hatten und abendländischer Kunst und Kultur höchste Bedeutung zukam. Mein Vater lehrte mich, daß ohne Bibelkenntnis weder die deutsche Sprache mit ihren zahlreichen biblischen Wendungen und ihrer bedeutenden religiösen Dichtung noch die europäische Kultur mit unzähligen Kirchen und religiösen Bildern verständlich seien. Dabei wurde vorausgesetzt, daß Religionen ein kulturstiftendes Hilfsmittel zum Weltverständnis vor der Aufklärung sind, und daß man nun Religionen nicht mehr braucht und es ohnehin keinen Gott gibt. Jesus wurde nur als beeindruckende historische Persönlichkeit verstanden.

Du mußt die Lutherbibel lesen, das gehört zur Bildung – in Abwandlungen hörte ich diesen Satz oft. In einer Zeit, in der ich eine naiv romantisierende Vorstellung von Kommunismus hegte, wie in William MorrisKunde von Nirgendwo, begann ich, das Neue Testament und die Psalmen zu lesen. Ich strich in den Psalmen die Wörter frei und Freiheit an und sah die Verse mit linksintellektuellem Hochmut als Vorstufe zum freiheitlichen Denken.

Im Sommer 1983 wanderte ich allein in den Schweizer Alpen. Es war nicht meine erste, aber meine bisher höchste Bergtour, riskant und herrlich. Eine Taschenausgabe des Neuen Testaments und der Psalmen trug ich bei mir. Die Evangelien las ich als eine schöne und spannende Geschichte, die Psalmen als eindrucksvolle antike Lyrik. Besonders sprach mich der 121. Psalm an, weil ich nachvollziehen konnte, daß ein Mensch beim Anblick der Berge religiöse Scheu empfindet.

Ich hatte in einer Herberge übernachtet und war sehr früh aufgebrochen, stand auf einem Plateau in etwa 1800 Meter Höhe, von dem in Nord-Süd-Richtung ein für alpine Verhältnisse bequemer Weg hinunterführte; nach Osten ging es senkrecht abwärts, schroff und eindrucksvoll, tief unter mir ebenes Weideland. Die Sonne ging gerade auf, es war vollkommen klar – und ich begriff schlagartig, daß die Evangelien und Psalmen die Wahrheit sagen.

Es hatte nicht aus heiterem Himmel geblitzt. Es war mir keine Gestalt im weißen Gewand erschienen. Keine Stimme vom Himmel hat gesprochen. Es war nur die Sonne aufgegangen, im Osten, wie immer, an einem besonders schönen Ort, und für mich gab es von nun an keinen Zweifel mehr daran, daß der Dreieine Gott existiert und daß der 121. Psalm wörtlich zu nehmen ist.

Die Erkenntnis verhinderte zwar einige Zeit später nicht das Gefühl der vollständigen Verlassenheit und auch nicht verschiedene teils selbstverschuldete, teils ohne Eigenleistung dazubekommene Katastrophen – wie bei den meisten Menschen. Aber Gottes Existenz habe ich seither nicht einen Augenblick lang bezweifelt.

Wieder zu Hause, wandte ich mich an eine Katholikin, die mit meinen Eltern und mir befreundet war. Ohne daß sie mich darin beeinflußt hatte, fühlte ich mich zur katholischen Kirche hingezogen. Sie fragte mich, warum gerade zur katholischen und nicht zur evangelischen Kirche – und ich sagte: „Ich finde, das ist irgendwie ernster.“

Sie lud mich gemeinsam mit einem Pfarrer ein. Während sie in der Küche werkelte, ließ er sich von mir berichten, was mir widerfahren war. Er fragte wenig, hörte genau zu, zog an seiner Pfeife und meinte mit freundlicher Sachlichkeit:
„Dann können wir Sie ja Ostern taufen.“

Die Katechese bestand darin, daß er mir auf meine vielen Fragen zu Bibel und Kirche ausführlich antwortete. In der Osternacht 1984 wurde ich getauft.

Es hat seitdem Zeiten gegeben, in denen ich mit der Kirche meine Schwierigkeiten hatte, aber selbst als ich nur noch enttäuscht und zornig an sie dachte und ihr fernblieb, kam ein Austritt für mich nicht in Frage – auch wenn mir als Argument nur Joh. 6,68-69 blieb: Wohin sonst?

Immer wieder habe ich die Kirche als Heimat erlebt, als Mutter, als trotz aller gemeindeeigenen und weltkirchlichen Probleme bereichernde Gemeinschaft. Immer mehr erkenne ich die Wahrheit und die fremdartige Schönheit der Bibel, den Reichtum kirchlicher, religiöser, theologischer Schätze. Immer stärker spüre ich Gottes Größe und Liebe.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Damaskus in den Alpen

  1. Andrea schreibt:

    Danke für Deine Geschichte – sie hat mich sehr berührt!

  2. C.Lang schreibt:

    Dieses Zeugnis zu lesen, ist eine wahre Freude. Sehr, sehr schön. Ich wünsche Ihnen gesegnete Pfingstage und Gottes heiligen Giest weitherhin als ständigen Begleiter, Wegbegleiter und Trost.

    PS: Wohin sonst? Diese Frage bringt mich in Zeiten des Haderns mit der Kirche auch immer wieder an den Punkt, dass es keine Alternative für mich gibt. Auch, wenn es all zu häufig sehr menschelt in Gemeinden und Weltkirche. Welch ein Trost zu wissen, dass gerade in solche in Momenten der Geist Gottes unabdingbar und immer zugegen ist.
    Liebe Grüße.

  3. Eugenie Roth schreibt:

    „Wohin sonst?“ Ja, das ist es! Vergelt’s Gott!

  4. Tarquinius schreibt:

    Wirklich sehr schön und berührend. Die noch glaubensferne Zeit hört sich für mich aber schon frommer an, als so einige Episoden meines Christenlebens…*hust*

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Dank für die Kommentare!
    Ich freue mich, wenn ich auf diese Weise wenigstens gelegentlich Zeugnis ablegen kann.

  6. Karl Eduard schreibt:

    Ich beneide Sie ein bischen.

  7. Maria Leuschner schreibt:

    Ich heiße Maria, bin 70 Jahre alt und bin „aus Versehen“, beim Recherchieren in einem meiner Lieblingsblogs, auch nur über einen weiteren Leserzuschreiber auf diesen Ihren Blog gestoßen. Ich habe gerade mein kleines eineinhalbjähriges Enkelkind zu Besuch, kann also gar nicht lange suchen, wie Sie eigentlich heißen, möchte Ihnen aber sagen, dass ich zu Tränen gerührt bin über Ihren wundersamen Weg zum Glauben, speziell zum katholischen. Ich in meinem Alter bin aus nicht auf die Schnelle erklärbaren Gründen noch mit fünfundfünfzig Jahren konvertiert. Ihnen ähnlich haderte ich auch schon einige Male mit meiner Kirche. Aber: dann erfüllt mich plötzlich eine Dankbarkeit, gerade dieser Kirche angehören zu dürfen, in der Messe knien zu dürfen, wenn ich das will, mich fallen lassen zu dürfen, was ich in der evangelischen Kirche nie erfahren durfte. Liebe Grüße aus Sachsen an Sie
    Maria Leuschner

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