Mein kleiner Insektenvernichter

Katze Lena war in ihrer Jugend eine große Spinnen- und Fliegenjägerin. Nun ist sie alt und faul, die Spinnen danken und übernehmen ihrerseits die Fliegenjagd.
Ich habe vor Spinnen keine Angst, im Gegenteil – ich finde sie faszinierend und schaue ihnen gern zu. An dem Fenster vor meinem Schreibtisch hat eine Gartenkreuzspinne sich niedergelassen in einem fast unsichtbaren Radnetz.



Johann Peter Hebel setzte den Spinnen gleich zwei literarische Denkmäler – im Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes beschrieb er sie in populärwissenschaftlicher Art, und er besang die Spinne auf Alemannisch, was Ernst Theodor Echtermeyer so ins Hochdeutsche übertrug:

Das Spinnlein

Nein, seht mir doch das Spinnlein an,
Wie’s zarte Fäden zwirnen kann!
Gelt, Base, das verstehst du nicht?
Ich sag‘ es dreist dir ins Gesicht.
Es macht’s so niedlich und so nett;
Möcht‘ nicht, daß ich’s zu haspeln hätt‘.

Wo nahm’s den Flachs so zart und fein?
Bei wem mag er gehechelt sein?
Gar manche Frau, das glaube mir,
Ging‘ auch dahin, wenn man’s erführ‘.–
Jetzt sieh mir, wie’s das Füßchen setzt,
Den Ärmel streift, die Finger netzt!

Jetzt zieht’s den langen Faden aus,
Zieht eine Brück‘ an Nachbars Haus,
Baut eine Landstraß‘ in der Luft,
Die morgen hängt voll frischem Duft,
Baut einen Fußsteig neben dran,
Daß hier und da es wandeln kann.

Es spinnt und wandelt auf und ab,
Potztausend im Galopp und Trab! –
Jetzt geht’s ringsum – wo an, wo aus? –
Nun bildet sich ein Ringlein draus!
Jetzt schießt es zarte Fäden ein;
Soll’s etwa gar gewoben sein?

Jetzt ist’s erstaunt, jetzt hält es still
Und weiß nicht recht, wohin es will;
Es geht zurück, man sieht’s ihm an,
Was Wicht’ges fehlt ihm noch daran.
Doch denkt’s: »Es hat damit nicht Eil‘,
Ich halte mich nur auf derweil.«

Es spinnt und webt ohn‘ Ruh und Rast
Allüberall, man staunet fast.
Des Pfarrers Hans sagt obendrein,
Zehnfach soll jeder Faden sein;
Doch glaub‘ ich’s nicht; denn sagt mir an,
Wes Aug‘ es sehn und zählen kann.

Jetzt putzt es seine Händchen ab,
Steht still und haut den Faden ab;
Jetzt sitzt’s in seinem Sommerhaus,
Schaut auf die lange Straß‘ hinaus
Und spricht: »Man baut sich fast zu Tod;
Doch steht das Haus, ist all die Not!«

Es wogt und schwankt in freier Luft,
Im Sonnenstrahl, im weichen Duft,
Und jeder Strahl umspielt es frei –
Dem Spinnlein ist so wohl dabei.
Es sieht dem Tanz der Mücklein zu
Und denkt sich: »Käm‘ doch eins herzu!«

O Tierlein, hast mein Herz entzückt;
So klein und dennoch so geschickt!
Wer hat dich solche Kunst gelehrt?
Ich denk‘, Er, der uns alle nährt,
Der mild und gnädig alle liebt
Und, glaub’s, auch dir dein Teilchen gibt.

Sieh da die Fliege! Nein, wie dumm!
Sie rennt ihm fast das Häuschen um.
Nun fleht und schreit sie Weh und Ach!
Ja, Ketzerin, du treibst’s danach!
Mit offnen Augen muß man sehn
Und nie in fremde Grenzen gehn.

Schau‘ nur! das Spinnlein merkt’s geschwind,
Es zuckt, es springt – hat’s wie der Wind
Und denkt: »Ich hatte Müh‘ und Not,
Nun schmeckt mir auch mein Abendbrot.«
Drum sag‘ ich ja: »Zur rechten Frist
Sorgt Gott, der keinen je vergißt.«

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Mein kleiner Insektenvernichter

  1. zarubaalfred schreibt:

    Hat dies auf zarubaalfred rebloggt.

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