Ein Freitagsgedicht

Eigentlich ist es ein Karfreitagsgedicht. Aber wenn mir so etwas mitten im Sommer einfällt, was soll ich machen?
Genau: Aufschreiben, vorstellen und es Freitag sein lassen.

Bar Abbas

Ja, ich war froh, als sie mich laufen ließen!
Gerührt war ich von meines Volkes Treue,
man hätt mich ohne weiteres gekreuzigt.

Der andre da, angeblich der Messias,
ein Spinner, glaubte ich, wie viele waren,
der brachte sich und viele in Gefahren,
war selbst, so meinte ich, nicht sehr gefährlich,
und war gefangen wegen irgendwelcher
Bedenken – ja was immer – der Elite.

Ich, eben erst befreit und noch im Taumel,
hör die Gerüchte, frag herum, sie haben
mich nicht um meinetwillen freibekommen.

Pilatus ließ ihn vor die Menge führen,
voll Blut von Dornenkranz und Geißelhieben –
Pilatus fragt: Schaut her, ist das ein König?
Und darauf ist die Menge ausgerastet,
im Sprechchor brüllten sie: Ans Kreuz mit diesem!
Ans Kreuz, ans Kreuz! Und: Freiheit für Bar Abbas!

Ich steh hier unten, frei. Und der da oben,
auf Golgotha, der wurde nun gekreuzigt.
Hätt noch ein dritter neben mir gesessen –
wär der dann frei und ich wär neben Jesus?

Ich kann mich nicht an dieser Freiheit freuen.
Ich wurde nur befreit, damit er stirbt.

© Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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