Die ersten fünfzehnTage

Vor zwei Wochen habe ich in der neuen Arbeitsstelle, einer wirklich schönen und freundlichen Seniorenresidenz, die Arbeit angetreten. Der erste Tag bestand noch im Zugucken und Zuhören. Ich bekam einen Arbeitsplan für die kommende Zeit, auf dem vermerkt ist, bei welchen Bewohnern ich was zu tun habe.

Sechs Bewohner mit verschiedenen Pflegestufen sollte ich im Frühdienst versorgen. Dazu gehört Waschen, Anziehen, Mobilisieren, Essen anreichen. Einige sind noch ganz oder zum guten Teil orientiert, andere nicht; einige brauchen Hilfe in allem, andere in wenigem. Heute ist mir zum ersten Mal ohne Schwierigkeiten gelungen, eine bettlägerige und sprachlos gewordene Frau ohne Probleme und ohne Angst, ihr die Knochen zu brechen, zu waschen, anzuziehen und in den Rollstuhl zu setzen. (Die Knochen brechen nicht – aber bei einem alten Menschen mit sehr starken Kontrakturen teile ich diese Angst mit allen Anfängern.)

Ich habe damit zu schaffen, daß ich in praktischen Dingen die Schnellste nicht bin, und daß ich mich zur leicht von eigenen Fehlern aus der Ruhe bringen lasse. Das ursprünglich geplante Pensum schaffe ich nicht, und ich glaube nicht, daß ich das mit der Zeit besser hinbekomme. Das alles ist für die Kolleginnen enttäuschend und läßt sich nicht schönreden, und es bleibt eine ernste Bedrohung meiner Arbeitsstelle. Die Angst, sie zu verlieren, hat mich noch nicht verlassen – die Probezeit mit der Möglichkeit fristloser Kündigung dauert ein halbes Jahr, und der Vertrag ist auf ein Jahr befristet, kann, muß aber nicht verlängert werden. Ich weiß nicht, wie meine berufliche Zukunft ist, ob ich überhaupt eine solche habe, oder ob ich schon nächste Woche wieder arbeitslos bin – aber ich freue mich über jeden Tag, an dem ich bezahlte und versicherte Arbeit habe.

Was ich immer besser kann, ist, die Bewohner zu verstehen, soweit das möglich ist, und mich auf die verschiedenen Menschen einzustellen. Ich bin ein ungeduldiger und bei Verständnisschwierigkeiten oft unleidlicher Mensch, meine Freunde wissen das – und ich merke mit Staunen, daß diese Charakterfehler mich am Pflegebett schlagartig verlassen, ohne daß ich mich darum bemühe. Nach der Arbeit denke ich manchmal: Warum machen mich Leute, die nicht halb so anstrengend sind, mehr als doppelt so ungeduldig?

In einem anderen Pflegeheim, wo ich das Praktikum absolviert habe, bin ich mindestens einmal wöchentlich, um zwei Frauen zu besuchen. Die beiden habe ich während des Praktikums kennengelernt und kann ihnen nun ein wenig Freude machen, indem ich vorlese, einfach bei ihnen sitze, Händchen halte; die eine freut sich auch, wenn ich mit ihr bete. Ihre Tochter hat mir den Hinweis gegeben, daß sie Märchen und Gedichte liebt – da teilen wir ein Interesse!

Wenn ich von diesen Krankenbesuchen komme, bin ich einfach froh und dankbar, daß ich dort sein durfte. Wenn ich von der Arbeit komme, ist diese Freude und Dankbarkeit noch mit Angst vor neuer Arbeitslosigkeit untermischt. Sollte ich die Arbeit verlieren, will ich auch in diesem Pflegeheim einige Bewohnerinnen weiterhin besuchen. Ich fühle mich dadurch beschenkt.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die ersten fünfzehnTage

  1. Heike Pohl schreibt:

    Liebe Claudia, wie schon öfter fallen mir deine unmittelbare Ehrlichkeit und Kritik mit dir selbst auf. Das ist ein Wesenszug, der dich ganz besonders macht. Einmal mehr, weil du ihn auch noch mit uns teilst. Ich lese seit einer Weile von deiner neuen Arbeit und auch von und über deine Ängste, dafür nicht gut, nicht schnell genug zu sein. Das beschäftigt mich so, dass ich das heute Morgen sogar beim Frühstück thematisiert habe.
    Wer aufmerksam die Zeitung liest, insbesondere den Stellenmarkt, dem fällt schon lange auf, wie viele Kräfte im Pflegedienst gesucht werden. Denn vor allem Können stehen ganz besonders in diesem Beruf der Wille und die Bereitschaft, für recht wenig Geld so viel Verantwortung und Arbeit zu übernehmen. Oder anders gesagt: Selbst die schnellste und der Praxis zugewandte Kraft taugt nichts, sofern sie sich erst gar nicht in diesem anstrengenden Beruf engagieren will.
    Es müsste wirklich mit dem Teufel zugehen, wenn man deinen Willen und deinen Ehrgeiz nicht und stattdessen deine so ehrlich beschriebenen Schwächen bewerten würde. Und wenn es so ist, dann hast du dein Mögliches gegeben und es wird sich ein anderer Weg für dich auftun. Es tut mir wirklich beim Lesen weh, dass und wie du an dir zweifelst. Manchmal und bei anderen Themen hab ich schon gedacht: Meine Güte, sie hat aber auch eine große Klappe. Jetzt denke ich: Liebe Claudia Sperlich, es ist so schön, dass du diesen beruflichen zu gehen versuchst. Und wenn es nicht klappt, dann liegt es nicht an dir sondern am Umstand, dass Zuwendung, Pflege und Verantwortlichkeit gegenüber alten Menschen nichts kosten dürfen. Zweifle bitte nicht an dir.
    Bitte bleibe zuversichtlich 🙂
    Übrigens: Das Ding mit der Geduld kenne ich in genau demselben Zusammenhang auch 🙂

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Liebe Heike, herzlichen Dank für diese Worte! Ich glaube ja auch, daß ich in der Pflege gut arbeiten kann – aber eben gut in anderen Dingen als Geschwindigkeit und Geschicklichkeit. Es wird schwierig bleiben, und wenn ich die Arbeit behalte, wird es bereichernd bleiben.

Kommentare sind geschlossen.