Der Wert des Lebens

Was ein einzelner Mensch kostet, kann man, wenn man die für seinen Erhalt aufgewendeten Kosten von Geburt bis Tod zusammenrechnet, herausbekommen. Von Zeugung bis Tod wäre die Rechnung zwar logischer, aber auch schwieriger und ungenauer, denn wer will ausrechnen, wieviel Geld eine Schwangere für ihren eigenen Unterhalt und wieviel gleichzeitig für den Unterhalt ihres Kindes aufwendet?
Angenommen, es gelänge: Die Summe, die vom ersten Ultraschall oder auch vom ersten Atemzug bis zur letzten Kranzschleife entsteht, ist riesig.
Um herauszufinden, was dieser Mensch wert ist, muß man berechnen, wieviel Einkommen er in seinem ganzen Leben erwirtschaftet, und dann bilanzieren, also die erste Summe (Investition) von der zweiten (erwirtschaftetes Kapital) abziehen. Man wird herausbekommen, daß Männer im Allgemeinen mehr wert sind als Frauen, Nordeuropäer mehr als Südamerikaner, Gesunde mehr als Kranke und Wohlhabende mehr als Arme.
Damit wäre der Wert eines Menschenlebens von Zeugung bis Geburt zu vernachlässigen. In den ersten zwei Jahrzehnten wäre er geringer als Null, weil er ohne nennenswerte Einkünfte ist und pausenlos für seinen Erhalt und seine Entwicklung gezahlt werden muß. Unter günstigen Umständen (Ausbildung schnell und gut abgeschlossen, einträgliche Arbeitsstelle kurz danach angetreten und lange behalten) kann der Mensch sich mit fünfunddreißig oder vierzig Jahren amortisiert haben. Erwirtschaftet er dann bis zur Rente beständig mehr als er kostet, und lebt er dann nicht mehr allzu lange, ergibt sich eine positive Bilanz. Hohes Alter wirkt sich auf den Wert des Menschen ungünstig aus, da die damit einhergehenden Gebrechen kostenintensiv sind und die Bilanz drücken.
Am wertvollsten wären demnach gesunde, intelligente, hellhäutige Mitteleuropäer und Nordamerikaner mit guter Schulbildung, Studium, hochbezahlter und langjähriger Arbeitsstelle und lückenlosem Lebenslauf, die kurz nach Eintritt des Rentenalters sterben.

Kaum ein Mensch wird eine solche Rechnung, auch wenn sie sehr sorgfältig vorgenommen wird, offen billigen. In einzelnen Punkten aber stimmen zahlreiche Menschen ihr zu. So wird der Wert eines Menschen in den ersten drei Monaten von Verfechtern der „sexuellen Selbstbestimmung“ mit Null veranschlagt – und was nichts wert ist, kann weg. In den Niederlanden und Belgien gibt es steigende Tendenzen, sehr kostenintensive Menschen – Behinderte und Gebrechliche – diskret zu entsorgen.

Aber der Wert eines Menschen ist nicht berechenbar, sondern unendlich. Und weil er unendlich ist, ist er bei Ungeborenen, Alten, Gesunden, Kranken, Starken, Schwachen, Versagern, Erfolgreichen, Guten und Bösen genau gleich.

Jeder Mensch ist unendlich wertvoll.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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7 Antworten zu Der Wert des Lebens

  1. Karl Eduard schreibt:

    Da gibt es einen schönen Dialog in „Der Seewolf“, Jack London, dessen Quintessenz ist, daß der Wert des Lebens gleich Null ist, außer dem eigenen Leben natürlich. Eine Philosophie von Fressen und Gefressen werden und daß nur der Stärkste überlebt. Und das ist im Grunde nicht falsch, denn nur unsere Zivilisation und der angehängte Sozialstaat erlauben es, das Leben, auch das der Anderen, als unendlich kostbar anzusehen. In Krisenzeiten wird aber niemand bereit sein, selbst zu verhungern, damit der Nachbar überlebt. Eltern – KInder – Beziehungen ausgenommen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Meine Eltern haben Krisenzeiten erlebt und hätten dies nicht bestätigt.
      Die gesamte christliche Kultur hat mehr Krisen- als andere Zeiten erlebt und bestätigt es auch nicht.

      • Karl Eduard schreibt:

        Meine Großeltern-und Eltern haben auch Krisenzeiten erlebt aber da ging es nie um das nackte Leben. Also einen wirklichen Existenzkampf. Und das meinte ich. Das kennen wir in Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr. Zum Glück.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Ums nackte Leben ging es gerade im 2. Weltkrieg oft genug.
        Und gerade an den schrecklichen Orten, wo es genau darum ging, hat es auch wirkliches opferbereites Heldentum gegeben.
        Die Gefahr, für eine freundliche Unterstützung oder gar für tatkräftige Hilfe (Verstecken von Verfolgten, anständige Behandlung von Zwangsarbeitern) selbst das Leben zu lassen, war nicht so gering. Daß es übrigens im Bombenhagel ums nackte Überleben geht, dürfte keiner bezweifeln.

  2. cassandra_mmviii schreibt:

    Biologie hier: es ist die Fähigkeit, uns selber zurückzustellen, die uns zu so einer erfolgreichen Spezies macht.

    Vielleicht ist es Luxus wenn wir sagen „jeder Mensch“. Mag sein. Aber was hindert uns daran, eine Welt zu schaffen, in der jeder Mensch so gesichert lebt, daß er sich diesen Luxus leisten kann?

    Was kostet sauberes Wasser?
    Genug Reis für einen Tag?
    Sterile Handschuhe oder ein Moskitonetz?

    Es nicht zu haben, kostet uns ein Leben.

  3. gerd schreibt:

    Eine Anmerkung: Der Wert des Lebens kann nicht in materielle Kategorien gedacht werden. Das ist Unsinn. Wenn die Verfechter der „sexuellen Selbstbestimmung“ das Leben in den ersten drei Monaten mit Null veranschlagen, werden sie immer die Antwort schuldig bleiben, welcher Wert denn da gemeint ist. Leben ist wertvoll, weil es existiert, weil es da ist. Leben ist wertvoll, weil es in den Kategorien der Schöpfung und der Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen gesehen werden muss, um überhaupt den Begriff „Wert“ im Zusammenhang mit Leben zu gebrauchen. Niemand hat sich selber ins Leben gerufen. Als wir geboren wurden, geschah das nicht in eigener vollkommener Freiheit. Ein anderer, als Christ nenne ich ihn Gott, hat uns ins Leben gerufen. Er allein darf, wenn überhaupt, vom Wert des Lebens sprechen. Er hat es getan, am Kreuz. Und da widerspreche ich Karl Eduard: Genau hier ist ein Leben für das andere Leben verhungert. Daran erkennt der Christ, wie wertvoll das Leben, natürlich abseits von materiellen Vorstellungen, wert ist. Unendlich viel wert.

  4. Matthias schreibt:

    Hat dies auf Das Leben bejahen! rebloggt.

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