Bizarres Demokratieverständnis

Nachtrag zum vorigen Artikel:

Bei der anfänglichen Kundgebung sprach ein evangelischer Geistlicher das neue Mahnmal für die Opfer der Aktion T4 an. Er rief zu einer Schweigeminute für die Opfer auf.
Alle Lebensschützer schwiegen.
Das Gejohle und Gebrüll der Lebensschützerfeinde war ununterbrochen zu hören.

Lebensschützer werden von Lebensschützerfeinden als nazihaft angesehen.

Ich sagte es bereits mehrmals: Die Logik hat nicht viele Freunde. Immerhin waren beim Marsch für das Leben diese Freunde in der Überzahl.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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10 Antworten zu Bizarres Demokratieverständnis

  1. cassandra_mmviii schreibt:

    Ich bin über die Aktion T4 únd Antifaschismus zum Lebensschutz gekommen. Als Historikerin kannte ich ein bißchen mehr von T4 und der dahinterstehenden Ideologie als mit manchmal lieb war und ist und sehe historische Kontinuitäten. Um es mal mit Antifa zu sagen „der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“.

    Der Gedanke, entscheiden zu dürfen, wer leben darf und wer nicht, ist etwas, das sich durch die NS-Ideologie zieht wie ein roter (oder eben brauner) Faden. Das kommt in scheinbar neutralen Bereichen wie der Raumplanung (die wir übrigens bruchlos übernommen haben eben weil sie unbelastet zu sein scheint) zu Tage oder eben für alle sichtbar in Schlangen auf Selektionsrampen. Irgendwann kam für mich der Punkt, an dem ich nicht mehr verstand, was einen Menschen, ganz allgenein, berechtigen sollte, ob jemand anderes lebt oder stirbt. Und wenn das nazihaft ist… na gut, dann ist das eben so. Dann kann ich da grad nichts dran ändern. Argumente wie „dir ist klar, daß die Nazis Abtreibung in Polen bewußt erlaubt haben?“ oder „weißt du, was man heute zu erbkrank sagt? Gendefekt. Und weißt du, auf was man im Rahmen von diversen Tests in der Schwangerschaft testet? Gendefekte. Und warum? Um abzutreiben und so dem Gesundheitssystem und der Volkswirtschaft Belastungen zu ersparen und da sind wir dann wieder bei Dreisatzaufgaben der Gattung „wie viel kostet ein Erbkranken die Volksgemeinschaft?“!“ kommen nicht an.

    Da scheint die Logik ja mal wieder im Urlaub gewesen zu sein…

    Gesegneten Sonntag auch!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Auf starke und leicht einsehbare Argumente nicht hören ist Trotz – und zwar nicht der tapfere Trotz eines Menschen, der sich Unterdrückung nicht gefallen läßt, sondern der Trotz eines Kindes: „Will nicht! Will nicht!“

      Im Übrigen: Segenswünsche zurück!

      • cassandra_mmviii schreibt:

        ich werde meine Position überdenken sobald mir jemand etwas zu überdenken gibt- also sobald man das biologischen Fakten widerlegt. Zur Zeit sind die relativ klar: Leben beginnt bei der Zeugung. Bisher hat die Biologie (aka „Wissenschaftler haben erwiesen“) noch nichts anderes zu Tage gebracht, als das eine befruchtete Eizelle beginnt, sich samt vollständigem menschlichem Chromosomensatz (Artbestimmung machen Biologen per DNA), zu teilen.

        In einem wissenschaftlichen Weltbild, wie es die zB Humantische Union für sich in Anspruch nimmt, sollte für so viel Biologie Platz sein. Da muß man nicht mal die Theologie bemühen.

        Die Dehumanisierung, also das Absprechen des Mensch-seins (ich spreche absichtlich nicht von Menschlichkeit weil da „das Mitmenschliche“ assoziiert wird), ist ein weiteres Charakteristikum, wie der NS arbeitete. Selbst in den KLs (korrekte zeitgenössische Bezeichnung ist KL oder KZ-Lager, nicht KZ) vermied man es, vom Menschen zu sprechen, weil vielleicht doch einmal eine moralische Zuckung den Massenmord aufgehalten hätte oder zumindest den Nachtschlaf der Wachmannschaften gestört.
        Ich habe in der letzten Schwangerschaft jemandem, der das mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper usw genau so sah (nämlich als Frauenrecht), ein Ultraaschallbild meines Kindes in der 10. Woche gezeigt. Der war schockiert- das ist ja ein Mensch! das sieht man! Er hätte gedacht, daß wäre „mehr so ein Klumpen“. Er ging mit den Worten, er müsse mal nachdenken. Ich weiß nicht, zu welchen Schlüssen er gekommen ist, aber ob ich das weiß oder nicht ist ja auch eigemtlich egal. Die biologischen Fakten sprechen für sich.

  2. estersimplicia schreibt:

    Ich finde 2 Sachen immer wieder erstaunlich, das eine ist, dass die Leute immer wieder behaupten, eine Abtreibung sie sowas wie die Entfernung eines Abszesses, und das in Zeiten, wo via Ultraschall schon ab der 7. SSW gesehen werden kann, „das ist ein Mensch“ und das auch in jedem Biolehrbuch, so abgebildet ist.
    Das andere ist das, was ihr da diskutiert habt, dass man nicht wahr haben will, dass die NS Ideologie schon wieder gesellschaftsfähig geworden ist.
    In unserem Geschichtsbuch ( Mitte der 70er) waren sehr suggestive Bilder aus den Lehrbüchern für Rassenhygiene, da war links eine arischen Familie, Vater, Mutter, 2 Kinder, alles ganz adrett und die 2 Kinder kriegen auch wieder je 2 Kinder und bilden adrette, aufgeräumte und saubere Familien, während rechts ein Ehepaar war mit 8-9 Kindern alles Unordnung und Durcheinander, nix adrett, sondern halt funktional und ramponiert.
    Als unsere Kinder klein waren und das taten, was Kinder halt so tun, Dreck, Unordnung, Durcheinander und Radau machen und alles was so eine adrette Wohnung ausmacht, wie Deckchen mit Figürchen, zerlegten, oder damit spielten, weswegen wir auf adrette Staubfänger (Dekomaterialien auf neudeutsch) verzichteten und eben einräumten nach den Kriterien „Darf das Kindern in die Finger fallen oder nicht?“ und nicht nach dem Kriterium „Wie sieht das aus?“, Da habe ich an der Reaktion der Leute gemerkt, dass da wirklich noch vieles virulent ist.

    Man hat nach ’45 so getan als sei mit dem Tod der Nazigrößen alles vorbei, als sei der Nationalsozialismus eine einmalige Verirrung gewesen, die keinerlei Wurzeln habe.
    Man hat versäumt zu verstehen mit welchen Urerfahrungen und Wahrheiten die Nazis gespielt haben und wo sie auf Urwahrheiten, die so einfache, wie sie falsch ist,. Lösung „Rübe ab“ präsentiert haben.

    Es ist fast nicht zu fassen, wie in Zeiten, wo vor der NS Ideologie beständig und laufend gewarnt wird, man alle Nas‘ lang über Stolpersteine und Denkmäler „fällt“ es möglich ist, wieder zu sagen Euthansie, und das mit dem Argument „Weißt du was es kostet den Kadaver der alten Oma am Leben zu erhalten?“ oder auch, wenn es um Behinderung und Abtreibung geht „das ist doch kein Leben!

    • cassandra_mmviii schreibt:

      Ich hoffe, meine Antwort landet da wo sie hinsoll… zu Esther.

      Wir sind auch eher funktional eingerichtet- die unteren beiden Regalfächer im Wohnzimmer sind Spielzeugfächer und das zerbrechliche, an dem ich hänge, steht ganz oben. Ist nicht viel, aber an der Porzellankatze, die ich zum 13. Geburtstag bekommen habe, hänge ich nun mal, die muß nicht kaputtrandaliert werden. Ist das hübsch? Nein, aber es birgt die Option, eines Tages wieder hübsch zu werden 🙂

      Zum anderen:
      ich bin von 1981 bis 1994 zur Schule gegangen. Überbevölkerung war dauernd Thema, mindestens ein Mal in der Grundschule und das letzte Mal in der Oberstufe als die absolute Notwendigkeit, in der Dritten Welt die Bevölkerung zu begrenzen, Thema war.
      Meine Generation hat gelernt, daß Menschen ein Problem sind. Wir haben gelernt, daß es völlig unverantwortlich ist, zum Bevölkerungswachstum beizutragen.

      In unseren Bio-Büchern damals waren keine Bilder wie Babies in der 10., 12. Woche aussehen. Gab es einfach nicht. Zum Aufklärungsunterricht kam pro familia. Noch Fragen?
      Wenn jemand meiner Generation, der selber noch keinen Unltraschall gesehen hat, daß nicht weiß, wundert mich das nicht. Woher denn? Wir haben im Unterricht gelernt, wann man wo und wie eine Abtreibung bekommen kann.
      Wir haben gelernt, daß eine Schwangerschaft während SChule oder Ausbildng die größtmögliche Kastrophe ist. AIDS? Nehmt halt ein Kondom, dann ist alles sicher. AIDS halte ich persönlich für schlimmer als ein Kind. Das tötet nämlich. Aber Enthaltsamkeit? Lächerliche Idee! Meine Generation und jünger sollte die Älteren irgendwann mal verklagen wegen bewußter Irreführung und Verdummung… Wir ernten, was andere gät haben. Bingo…

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Jein.
        Ich möchte mich nicht mein Leben lang damit herausreden, daß ich als Kind schlechten Unterricht hatte. (Ich hatte viel grauenvoll schlechten Unterricht und wenig guten – wie die meisten Leute.) Natürlich werden in der Kindheit auch Weichen gestellt. Aber schließlich ist man mit über dreißig Jahren ja immer noch lernfähig, und es gibt in Mitteleuropa gute Möglichkeiten, sich zu informieren, auch wenn man nur wenig Geld hat. Spätestens mit Mitte zwanzig ist andauernde Unmündigkeit bzw. Unaufgeklärtheit selbstverschuldet.

      • estersimplicia schreibt:

        jaaa, Cassandara!
        das mit dem Verklagen der Älteren, betreffs der Abtreibung und der Verwüstung der Seelen durch, das Zerren der Sexualität,. aus der Verborgenheit das habe ich mit auch schon oft gedacht. Und ich muss sagen, (hoffe jetzt dass ich das so ausdrücken kann, wie ich das meine):
        Also meine Generation hat ja die Generation der Älteren angeklagt wegen des Faschismus, um es auf eine griffige Formel zu bringen „Warum habt ihr dazu geschwiegen?, Warum habt ihr da mitgemacht, nicht federführend aber dennoch“
        und wenn man sich dann auf ein (mehrere, viele) Gespräche eingelassen hat, und den Zorn darüber, dass man singen könnte „Und dann will es keiner gewesen sein, und keiner hat’s gesehen!“ auch noch überwunden hat, bleibt (ich kürze ab) die erstaunte Frage „Woher die Blindheit?“
        Irgendwann und eben weil ich mich lange und intensiv mit dem Faschismus beschäftigt habe, ging mir auf, dass der „Schoß wirklich noch fruchtbar ist, aus dem dies kroch“ gerade was eben der Umgang mit Behinderten Menschen besonders ungeborenen und kranken Hochbetagten angeht.
        Und immer wenn ich soweit bin, fällt mir dann immer die Stelle aus Exodus ein, die da lautet
        „Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, lässt aber (den Sünder) nicht ungestraft; er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.“ (Ex 2,34)
        wobei ich das mal übersetzt gefunden habe mit „…er prüft die Schuld der Väter an den Söhnen…“ und das mal so interpretiert gefunden habe, dass ER im Grunde die Söhne vor das Problem stellt, wo die Väter schuldig geworden und eben von den Söhnen dafür verurteilt wurden,. eben nur in anderer „Verpackung“.

        Ich denke immer in Bezug auf das aktuelle Thema hat das schon was.

        Die Söhne haben genauso versagt wie die Väter! und was einfach fehlt ist Reue, Reue über die abgetriebenen Kinder, Reue über das nicht geholfen haben, Reue drüber, dass man der Tochter, der Nichte u.s.w. nicht geholfen hat, sondern frei nach Matth, 27,3 gesagt hat „Sieh du zu, was geht mich das an, wenn du dir dein Leben versauen willst, nur zu“ oder netter „Man kann da heutzutage ja was machen“ oder ähnliches.

  3. cassandra_mmviii schreibt:

    Hallo Claudia!

    ich kann wie es scheint auf keine Antwort antworten. Ist das so oder bin das ich?

    Also dann hier:
    der Betreffende war noch keine 30 und lebenslang keine Prozentrechnung können weil der Lehrer in der 8. Klasse doof war ist wirklich keine Lösung. Aber man braucht einen Anlaß, einen Stolperstein, um nachzudenken. Und deswegen finde ich es so wichtig, logisch zu bleiben, denn vielleicht, nur vielleicht, trifft ja ein Argumentpartikel. Die Chance, mit Logik gegen Meinung was zu bewirken, ist minimal, aber ohne ist nicht nichtexistent. Bis mir was sinnvolleres einfällt, um leuten zu sagen: Mensch. Bereits vor der Geburt.

    • Claudia Sperlich schreibt:

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      Oder Du machst es halt wie eben, auf erster Ebene, hier wird nicht so viel kommentiert, daß es davon unübersichtlich wird.

      Zur Sache: Genau so sehe ich das auch.

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