Argumente gegen den Lebensschutz

Unfachmännische Abtreibungen sind für die Mütter gefährlicher als fachmännische! Also müssen fachmännische Abtreibungen erlaubt werden!

Angenommen, ich wünsche, meinen Nachbarn zu beseitigen, habe aber nicht gelernt, so etwas fachmännisch selbst zu machen, sehe ich zwei Möglichkeiten:
1. Ich bringe meinen Nachbarn eigenhändig um. Das bringt mich selbst in Gefahr, denn er könnte sich wehren; außerdem ist es möglich, daß ich ihn nicht ganz töten kann und er verkrüppelt überlebt. Zudem weiß ich nicht, wie man sich erfolgreich vor der Polizei versteckt.
2. Ich heuere einen professionellen Killer mit guten Referenzen an, dessen Arbeit ich, sofern sie nicht mit der gebotenen Sorgfalt ausgeübt wird, reklamieren kann.

Man könnte antworten: Ja, dann lass den Nachbarn doch einfach leben! Das ist weniger gefährlich als ein laienhafter Mord, im Verhältnis zu einem Auftragsmord immer noch recht kostengünstig, und dann, was sollen die Leute sagen! Und schließlich – vielleicht ist der Nachbar ja doch auch irgendwie nett. Und wenn nicht, meint er es vielleicht nicht so.

Aber ich muß ja kalkulieren, wie viel Nerven, Gerichtskosten und zeitlichen Aufwand mich dieser Nachbar kostet. Die Kosten für Schokolade ganz außer Acht gelassen.

Nach diesen Überlegungen sollte man erwägen, den Auftragsmord zu legalisieren. Zu prüfen ist auch, ob man einkommensschwachen Bürgern auf Antrag die Kosten für einen Killer der günstigeren Preisklasse erstatten kann.

Aber diese Überlegungen haben doch gar nichts mit Abtreibung zu tun! Da geht es ja nicht um Menschen!

Die Biologie sieht das anders. Man muß nicht an Gott glauben, um zu wissen, daß ein Lebewesen von Anfang an seine eigene, artspezifische, unverwechselbare DNA hat. Ein Mensch ist ein Wesen mit humaner DNA, und jedes Wesen mit humaner DNA ist ein Mensch. Fragt einen Biologielehrer.

Es gibt in Deutschland immer weniger Abtreibungen – also sind die Lebensschützer gar nicht notwendig!

In der Tat: Vom Jahr 2000 (134.609 Abtreibungen) bis zum Jahr 2013 (102.802 Abtreibungen) ist die Zahl der Abtreibungen in Deutschland stetig gesunken.
Aber nicht sie allein: Auch die Zahl der Geburten ist im Schwinden begriffen.
2000 gab es 766.999 Lebendgeburten, 2013 noch 682.100 Lebendgeburten.
Das heißt: Die Zahl der Schwangerschaften nimmt ab, nicht besonders stetig, aber über dreizehn Jahre gerechnet doch eindeutig. Der prozentuale Anteil an Abbrüchen, auf die Zahl der Schwangerschaften gerechnet, nimmt glücklicherweise seit 2005 stetig ab.
Quelle

Bis hierher haben also die Lebensschützergegner nicht einmal Unrecht. Es gibt in absoluten und prozentualen Zahlen immer weniger Abbrüche.
Zugleich gibt es, wie die Lebensschützergegner irritiert feststellen, immer mehr Lebensschützer. Auf einer hier aus Gewissens- und Geschmacksgründen nicht verlinkbaren Seite der Antifa heißt es:

so erfreulich die gegenproteste auch waren, so erschreckend ist die jährlich wachsende teilnehmer*innenzahl an fundamentalist*innen. dieser regressive und antifeministische rollback muss gestoppt werden. nicht nur wenn sich mittelalterliche moralist*innen vorm bundeskanzleramt versammeln, sondern jederzeit und überall.

Noch einmal: Es gibt immer weniger Abtreibungen, und es gibt immer mehr Lebensschützer. Die Lebenschützergegner postulieren gerne, Lebensschützer seien unter anderem deshalb überflüssig, weil es immer weniger Abtreibungen gibt.
Aber könnte es nicht vielleicht sein, daß die sinkende Zahl der Abtreibungen auch mit Aufklärung zu tun hat – wirklicher Aufklärung darüber, was Leben ist? Mit der Aufklärung also, die am deutlichsten von den Lebensschützern propagiert wird?

Angenommen, eine Organisation setzt sich für den Schutz einer bedrohten Tierart ein, indem sie über diese Art aufklärt und Modelle zu ihrem Schutz vorstellt. Dann zeigt sich, daß die Art nicht mehr ganz so stark bedroht ist wie noch vor wenigen Jahren. Wenn nun jemand sagt, das habe mit dieser Organisation gar nichts zu tun, und deren Arbeit sei völlig sinnlos, obwohl keine andere Organisation so umfassend über genau diese Art aufklärt – man würde ihn zu Recht für einen nörgeligen Besserwisser halten.

Nebenbei ist mein Jubel noch recht verhalten, wenn gut 13% (und nicht mehr, wie in den Jahren 2001 bis 2006, über 15%) der Schwangerschaften durch Abtreibung enden. Man stelle sich einfach vor, hundert Säuglinge nebeneinander zu sehen, davon dreizehn tot. Ich vermute, die meisten Menschen fänden diesen Anblick schrecklich.

Der Vergleich der bei destatis angegebenen Zahlen zu Lebendgeburten und Abtreibungen führt zu dieser Übersicht.

Anmerkung: im 1. Satz habe ich die Vorsilbe un- eingefügt – das war vorher ein Tippfehler.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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