Das Recht auf guten Tod

Niemand will sich lange quälen müssen. Niemand will seinen Geist aufgegeben haben, ehe der Körper aufgibt. Niemand will fremdbestimmt sein.
Das sind die wesentlichen Argumente für den Wunsch nach Sterbehilfe. Ich kann sie sogar verstehen.
Trotzdem bin ich gegen Sterbehilfe. Und auch ich habe Argumente.

Mein Tod gehört mir, lese ich auf Plakaten, die für Legalisierung der Sterbehilfe werben. Als Christin bin ich nicht dieser Ansicht; mein Tod gehört mir ebensowenig wie mein Leben. Selbstverständlich will und darf ich über mein Leben weitgehend selbst bestimmen. Ich bin mir dabei bewußt, daß der Herr über mein Leben zwar mitnichten irgendein Staat, Gesetzgeber, Arbeitgeber oder Beamte ist (auch wenn es zuweilen so scheint), daß aber auch ich selbst nicht von Anfang an und nicht bis zuletzt über mein Dasein bestimme.

Daß ich überhaupt bin, ist nicht meine Entscheidung. Die meisten körperlichen, geistigen und seelischen Eigenschaften, die ich mit mir herumtrage, habe ich nicht ausgesucht und kann ich nur wenig beeinflussen. Daß ich im Gegensatz zu einer Amöbe unbedingt sterblich bin, mag man bedauern oder begrüßen, aber man kann es nicht ändern. (Wer sich mit dem Gedanken an irdische Unsterblichkeit – die ja von manchen Forschern angestrebt wird – gründlich auseinandersetzt, wird merken, daß das schierer Horror wäre – eine Welt ohne Platz für Kinder, in der der Tod nur noch als Frucht von Verbrechen oder Unfall vorkommt.)

Sterben ist in den seltensten Fällen schön. In aller Regel ist es mit Angst und Schmerzen verbunden, oft in hohem Maße und über lange Zeit. Oft kommt eine starke Abhängigkeit von anderen Menschen dazu. Sterben kann auch stinken.
Ich bin froh über jedes Mittel, das hilft, den Sterbeprozess erträglicher zu machen, über alles von sauberen Vorlagen über moderne Pflegebetten bis zu Morphium. Ich bin ganz für Palliativmedizin und finde es unsinnig, Moribunden Schmerzmittel vorzuenthalten, die das Leben eventuell noch etwas verkürzen. Ich bin froh, daß es Hospize und andere Formen würdiger und liebevoller Sterbebegleitung gibt.

Aber ich bin gegen die Tötung von Menschen – auch gegen die Tötung auf Verlangen. Die Menschen, deren Gesichter ich auf jenen Plakaten sehe, sind alles andere als dumm und fremdbestimmt. Vermutlich sind sie auch nicht depressiv. Wird aber die Sterbehilfe tatsächlich legalisiert, so werden viele Alte, Kranke und Behinderte sich zum Sterben gedrängt fühlen. (In den Niederlanden wurde bereits eine Auswanderungswelle alter Menschen aus genau diesem Grund beobachtet.)
Mit Möglichkeiten des Mißbrauchs will ich nicht einmal argumentieren, die gibt es immer und überall und taugen deshalb nur bedingt als Argument.
Vergessen wird aber ein meiner Ansicht nach sehr gewichtiges Argument. Sterbehilfe hat einen Einfluß auf den Sterbehelfer.
Niemand, der am Bett eines Sterbenden sitzt, kann hinterher genauso weiterleben wie vorher.
Wer einen Moribunden pflegt und ihm das Sterben leichter macht, aber nicht den Tod verursacht, wird im Bewußtsein weiterleben, einem Sterbenden geholfen zu haben. Vielleicht wird er zweifeln, vielleicht wird er echte oder vermeintliche Fehler gegenüber dem Verstorbenen bereuen – aber er wird wissen, daß er bei ihm war.
Wer einen Moribunden endgültig zu Tode bringt, wird sich vor sich selbst rechtfertigen müssen. Ich habe mit zahlreichen Befürwortern der Sterbehilfe gesprochen. Ausnahmslos alle hatten das Bedürfnis, mir ausdrücklich zu erklären, daß es ihnen „ganz gleich“ sei, was die Gesellschaft davon halte, daß sie „auf jeden Fall“ das notwendige Gift besorgen würden. Diese Erklärungen werden immer mit äußerster Vehemenz und großem Pathos gegeben. Mir drängt sich dabei der Verdacht auf, daß dies Pathos die große Unsicherheit verdeckt, ob es nicht doch grundsätzlich falsch sein könnte, zu töten.

Als meine Mutter – die zeitlebens gern gelebt hatte – im Sterben lag, hatte sie große Schmerzen und war sehr schwach. Sie sagte mir, sie wolle nicht mehr leben. Ich antwortete, ich wisse das, aber keiner von uns werde sie umbringen. Sie sagte daraufhin sehr ruhig: „Ich weiß.“ Und in der Tat hatten wir über Sterbehilfe schon lange vorher gesprochen und waren uns einig, daß wir alle dagegen waren. Sie starb einige Tage später friedlich in ihrem Bett – ohne daß jemand nachgeholfen hätte.

Ich hätte ihr eine Überdosis Morphium verabreichen können. Oder sie mit einem Kissen ersticken können. Ich bin sehr glücklich, daß ich das nicht getan habe – und auch keiner meiner Brüder. Bestimmt sind wir alle unserer Mutter etwas schuldig geblieben (wie vermutlich die meisten Menschen), aber keiner ist zum Mörder geworden.

Die Legalisierung von Sterbehilfe ist eine Zumutung gegenüber allen, die dann als Sterbehelfer oder als deren Auftraggeber in Frage kämen. Leben und Tod gehören keinem Menschen, und keiner darf genötigt werden, sich die Verfügungsgewalt anzumaßen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Das Recht auf guten Tod

  1. Eugenie Roth schreibt:

    Ich habe den Link zu diesem Beitrag einem Menschen geschickt, der glaubt, sich das Recht nehmen zu dürfen, sein Leben – wenn’s ihm nicht mehr passt – zu beenden.
    Vergelt’s Gott für dieses Statement!

  2. cassandra_mmviii schreibt:

    Meine Großmutter starb als ich 10 war an Krebs. Ganz langsam und unschön, mirt Beinen, die abstarben, Metastasen im Rückenmark, die sie langsam lähmten. Es scheint mir heute unendlich lange, aber es waren „nur“ 3 Monate. Weihnachten war sie noch auf, es gibt ein Foto von uns beiden, auf dem ich irgendwie unglücklich gucke- sie hielt sich an mir fest, dass es weh tat. Aber sie wollte dieses Foto unbedingt machen. Heute bin ich sehr froh, dieses Bild zu haben, aber damals fand ich das doof und auch beängstigend.
    Am 21. März starb sie.
    Irgendwann in dieser Zeit konnte sie ihre Arme noch bewegen. Später nicht mehr. Ihre Pflegerin räumte den Nactisch, in dem verschlossen die Medikamente lagen, auf. Sie vergass das Schmerzmittel, eine volle Packung, auf dém Tisch. In Griffweite. Später fiel es ihr ein und ihr erster Impuls war, zurückzufahren und sie anweisungs- und vorschriftsgemäß wegzuschliessen. Dann sagte sie sich „Nein“ weil sie diese Entscheidung nicht treffen sollte.
    Am nächsten Morgen sagte meine Oma ihr, sie habe das Morphium vergessen wegzuräumen. Sie hatte das „Angebot“ verstanden und nein gesagt.

    Ich kann nicht dran denken, ohne zu weinen. Immer noch nicht.

    Kurz vor ihrem Tod verlor sie das Bewußtsein. Einen tag vorher hatte ich mich gegen die evrsammelten Erwachsenen durchgesetzt und wa zu ihr gegangen. Meine Mutter versuchte mich an der Tür festzuhalten, aber ich hatte Omas Stimme gehört und sie meine. Sie rief nach mir, ich wehrte mich und am Ende saß ich bei ihr am Bett. Alle gingen raus, denn sie merkten, dass man uns nicht stören durfte.

    Die Nacht vor ihrem Tod kam sie wieder zu klarem bewußtsein. Sie sagte ihrem Mann, der an ihrem Bett im Dunkeln saß, er möge sich ausziehen und ins Bett gehen und bitte die Betten zusammenschieben. Er hatte lange nicht geschlafen… als er wieder wach wurde, war sie tot und hielt seine Hand.

    Und wer das miterlebt hat, der weiß: bis zum letzten Atemzug.

    Mein Opa starb dann 10 Jahre später, in der Küche seiner Schwester, die seine Hand hielt. Keiner von beiden mußte alleine gehen. So kann Mit-Leiden auch aussehen.

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