„Wir“

Immer wieder – mehrmals täglich – höre oder lese ich:
Wir müssen Widerstand leisten, wir sind eine perverse Gesellschaft, wir sind feige etc. etc.
Dabei nehmen sich die, die das sagen, regelmäßig vom Wir aus. Denn sie, die uns die Leviten lesen, sind natürlich ganz anders.

Klar – ich könnte jetzt in den Nordirak trampen (Geld für Flugticket hab ich nicht), und da ohne Arabischkenntnisse, als unsportliche alternde Frau, die mit keiner Waffe umgehen kann und keine Sanitäterin ist, den IS besiegen helfen.
Oder ich könnte dafür sorgen, daß in den Schulen meiner Heimat Religion und Sexualkunde in guter, intelligenter, kindgerechter, menschengerechter Weise gelehrt wird – ja, wenn ich mich hinstelle und sage, tut es, dann bekehren sich alle Bildungspolitiker schlagartig.
Wir sind gar nichts, wenn wir uns 1. vom Wir ausnehmen und 2. dem übrigbleibenden Wir der anderen (vgl. Sartre) die Schuld an allem zuschieben.
Wenn wir mir jetzt mal sagen könnten, was ich sinnvollerweise tun kann, damit 1. Frieden wird, 2. jegliche Benachteiligung von Christen aufhört und 3. der Schulunterricht vernünftig wird, dann lad ich uns zum Kaffee ein.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu „Wir“

  1. Eugenie Roth schreibt:

    Was du tun kannst (und ich übrigens auch!): BETEN!!!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ja. Und ich weiß sehr genau, warum ich genau das den og. Forderern nicht sage.

    • cassandra_mmviii schreibt:

      „Ora et labora“
      Ora ist soweit klar, aber konkret steht man da und sagt „ja, und wie?“

      Ich möchte, sobald die Flüchtlinge hier sind, dort helfen- und wenn es nur Nähstunde ist. Das wird keinen Weltfrieden herbeizaubern, aber vielleicht das Los der Flüchtlinge leichter machen. Auch wenn meine kokreten Ideen eher mau sind, irgednwas wird schon klappen. Hausaufgabenhilfe. Kekse backen. Was auch immer.

      Das zweite ist: mich dem Diskurs verweigern. Nicht mitmachen wenn (konkret) Nachbarn Unterschriftenlisten rumreichen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen, sondern immer wieder sagen „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“.
      Das tue ich auch wenn mich wieder jemand auffordert, endlich gender-Kappes in der Grundschule einzuführen. Auf jedem Elternabend wieder.
      Die von mir gewählten Politiker wissen lassen, was ich will oder nicht will. Das ist sinnfrei weil dann nur ein „dann wählen Sie mich eben nicht“ kommt, aber das Dialogangebot steht.
      Auch wenn es weitgehend sinnfrei aussieht…

      Dieses Schuljahr steht Sexualkunde an. Wir haben schon drüber gesprochen (auch weil Homosexualität in den Kindernachrichten ein Dauerthema ist) und ihm unseren Standpunkt klar gemacht: ja, es ibt Menschen, die sich zu menschen des gleichen geschlechtes hingezogen fühlen und das ist absolut kein Grund für schlechtes Benehmen. Wurde soweit verstanden. Klar haben wir allerdings auch gemacht, dass Ehen eben nur zwischen Mann und Frau gehen und das Gott, hier kommt die wichtige Message, beide gleich an Rechten und Würde geschaffen hat, auch wenn sie unterschiedlich sind. Aber, so unser Vermittlngsansatz, dass zählt für alle Menschen, denn keine zwei sind gleich, aber trotzdem gleichberechtigt. Der Junge im Rollstuhl in der Klasse, das ADHS-Kind oder das Kind mit der anderen Hautfarbe waren allerdings näher an der kindlichen Realität als das ältere lesbische Paar aus der Straße.

      Nur losgehen und den IS persönlich vernuken werde auch ich wohl nicht. Aber ich kann meine Stimme erheben und sagen „wir müssen abwägen, was das schlimmere Unrecht ist: ein Militäreinsatz oder beim Massenmord zugucken“ und so der meinung Raum vershcaffen und die Meinungshehemonie nicht den Käßmanns dieser Republik überlassen. Nicht weil ich Pastorin Käßmann für dumm halte, sondern weil ich das moralische Dilemma anders sehe als sie. Damit werde ich nicht in Talkshowsesseln landen, aber ich kann versuchen, dem,. der da landet, diskursiven Raum zu verschaffen.

  2. Karl Eduard schreibt:

    Genau. Wenn jemand Wir sagt, meint der immer die Anderen damit. Sonst würde er nämlich Ich sagen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Jedenfalls bei dieser Art Aussage. Ich möchte andererseits kein Pronomen abschaffen und möchte nicht sagen müssen „andere und ich tun gemeinsam das und das“. (Es gab im Kreis meiner nächsten Verwandten bereits Bestrebungen, mir die Benutzung des Wortes „wir“ zu untersagen.)

      • Karl Eduard schreibt:

        Wenn bein Einkauf die Dame an der Kasse sagt, wir haben dann das und dieses, frage ich auch schon mal zurück: Ach, Sie auch?

  3. Pingback: Kultur des Christlichen Abendlandes geht anders | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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